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Dokumentation
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Hintergrund

In den letzten Monaten kam es im Landkreis Barnim wieder vermehrt zu rassistisch motivierten Übergriffen auf Flüchtlinge, vermeintliche Ausländer, Menschen mit Behinderungen, alternative Jugendliche und Spätaussiedler. Beleidigungen, Drohungen und Körperverletzungen gehören zur Tagesordnung. Unserer Einschätzung nach liegt die Dunkelziffer der Übergriffe weit höher, da viele Betroffene keine Anzeige stellen.

Opfer rechtsextremer Gewalt sind v.a. MigrantInnen und "alternative" deutsche Jugendliche. Es kann aber jeder und jede Opfer eines Angriffs rechter Schläger werden, der/die sich ihnen direkt oder indirekt entgegenstellt. Folgen eines solchen Angriffs sind nicht nur direkte körperliche, sondern auch psychische (Angstzustände, Bedrohungsgefühle). Daneben sind die Angegriffenen nun mit ihrer Rolle als Zeugen im Strafprozeß und eventuell notwendigen Behördengängen und Antragstellungen konfrontiert.

Nur selten erfahren die Opfer, daß sich Nichtbetroffene auf ihre Seite stellen. Zu oft werden sie nicht nur während der Tat, sondern auch mit den Folgen des Angriffs allein gelassen. Das Wegsehen und Schweigen der Bevölkerungsmehrheit bestätigt die Täter, in ihrem Sinne zu handeln. Die Unterstützung der Opfer kann einen Beitrag dazu leisten, dieses Schweigen zu durchbrechen. Sich auf die Seite der Opfer zu stellen, kann anderen Mut machen, gegen ein rechtsextremes Klima der Gewalt Position zu beziehen, und so langfristig zu einer offenen, demokratischen Gesellschaft beitragen.

Zielsetzung

  • Opfer rechtsextremer Gewalt und Bedrohung praktisch zu unterstützen.
  • Unterstützung durch das soziale und politische Umfeld in Bernau zu fördern und zu begleiten.
  • Folgen rechtsextremer Angriffe in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Arbeitsschwerpunkte

1. Betreuung der Betroffenen
Die direkte Beratung und Betreuung muß an den Bedürfnissen der einzelnen Angegriffenen ansetzen und läßt sich daher nicht generalisieren. Aus unseren bisherigen Erfahrungen kristallisieren sich jedoch bestimmte wiederkehrende Aspekte heraus:

  • Möglichkeiten zum Schutz der Opfer vor weiterer Bedrohung
  • rechtliche Hilfestellung (Neben- und Zivilklage, Prozeßkostenhilfe, Opferentschädigung)
  • Suche nach möglichen Zeugen
  • Prozeßbegleitung und -beobachtung
  • Falls notwendig Vermittlung von fachkompetenter psychologischer Betreuung
  • Begleitung und Unterstützung bei Behördengängen und Antragstellungen, die mit den Angriffen in Zusammenhang stehen
  • Entwicklung von Lösungsansätzen bei Problemen im Umgang mit Behördenvertretern
  • Raum für Gespräche und moralische Unterstützung

2. Unterstützung durch Dritte
Zivilcourage und aktives Eintreten für Benachteiligte wirken der sozialen Ausgrenzung der Opfer entgegen. Längerfristig wird eine generelle Umfeldverbesserung der Opfer angestrebt. Rechtsextreme Gruppen können so entmutigt und - langfristig - Angriffe verhindert werden.

  • Vernetzung Bernauer Initiativen, die eine direkte persönliche Solidarität mit dem/den Opfer/n zeigen
  • Anregung von Telefonketten, Begleitung etc.
  • Initiierung öffentlicher Auseinandersetzung über die Situation bestimmter Betroffenengruppen, besonders in Hinblick auf Bedrohung durch rechtsextreme Gewalt, in Form von Veranstaltungen, Pressearbeit etc.

3. Öffentlichkeitsarbeit
Unsere Presse- und Öffentlichkeitsarbeit soll dazu beitragen, die Aufmerksamkeit der BürgerInnen auf die Folgen rechtsextremer Gewalt zu lenken und ihre praktische Solidarität mit den Opfern anzuregen.

  • Presseerklärungen zu einzelnen Fällen, evtl. verbunden mit Spendenaufrufen
  • Kontakte mit VertreterInnen der regionalen und überregionalen Medien
  • Organisation von Informationsveranstaltungen zur Thematik
  • Lobbyarbeit in Zusammenarbeit mit ähnlichen Initiativen und Beratungsstellen

Methodik/Arbeitsweise

Um Schwellenängste und mangelnde Mobilität vieler Betroffener zu berücksichtigen, berät die Kontakt und Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt Betroffene rechtsextremer Gewalt unter Einbeziehung des Umfeldes (Freunde, Verwandte etc.) in aufsuchender Beratung. Wir arbeiten daher mobil und sind über einen Anrufbeantworter auch außerhalb unserer Bürozeit zu erreichen. Jeden Freitag besteht die Möglichkeit in der Zeit von 17.00 Uhr bis 18.00 Uhr in der Breitscheidstr. 41 Kontakt zu uns aufzunehmen. In der Zeit stehen wir für Fragen, Beratungen etc. zur Verfügung.

Kontakt zu ausländischen Betroffenen erfolgt über die Ausländerbeauftragte, lokale Initiativen, Kirchen, Beratungsstellen mit anderen Schwerpunkten und MigrantInnenorganisationen.
Angegriffene deutsche Jugendliche erfahren über die Lokalpresse und über örtliche Kontakte zu Jugendclubs von uns und rufen dann an. Auch informelle Kontakte und Mund-zu-Mund-Propaganda spielen hier eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus gehen wir auch selbst Informationen über Angriffe nach und versuchen, einen Kontakt mit den Angegriffenen herzustellen.

In Presseerklärungen, Medieninterviews und Veranstaltungen wird versucht, die Perspektive der Öffentlichkeit zugunsten der Folgen von rechtsextremistischen Gewalttaten für die Opfer zu verschieben.