Lex Monsanto
Patente statt Bomben: USA veranlassen Gesetz zur Kontrolle von Saatgut und
Ernte im Irak
Der Irak zählt zu den Ländern, in denen zuerst Getreide kultiviert und
angebaut wurde. Auch europäische und amerikanische Bauern profitierten über
Jahrhunderte kostenfrei von den Züchtungen der ersten Bauern dort. Nun
sollen diese für ihre eigenen Leistungen an den Westen zahlen
"Wetten wir, dass im Irak innerhalb eines Jahres GVO angebaut werden?" (John Vidal, The Guardian, 2.7.2003)
Um 8500 v.Chr. begannen kleine Gruppen von Jägern und Sammlern im fruchtbaren
Gebiet des heutigen Irak, Samen von Wildpflanzen aufzubewahren und die
besten Körner wieder auszusäen. Allgemein wird dieser Schritt als Übergang
zur Kultur der Ackerbauer und Viehzüchter angesehen. Der Irak wurde damit
zur Wiege der Landwirtschaft, die unsere Kultur heute entscheidend prägt.
Einige der wichtigsten Nahrungspflanzen der Menschheit wie Weizen oder Gerste
wurden in diesem Gebiet kultiviert und im Laufe der Jahrhunderte
weitergezüchtet. Auf diese Weise entstanden Tausende verschiedener Sorten,
angepasst an verschiedene Boden- und Klimaverhältnisse oder mit Resistenzen
gegen verschiedene Krankheiten und Schädlinge. Schätzungen zufolge geht ein
Großteil der 200 000 bekannten Weizensorten auf die Bauern im Zweistromland
zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris zurück. Diese sind nicht nur ein
zentraler Teil des kulturellen Erbes des Irak, sondern der gesamten
Menschheit. Darüber hinaus sind die Eigenschaften dieser Sorten angesichts
des bevorstehenden Klimawandels oder eines möglichen Auftretens neuer
Schädlinge zentral für die künftige Züchtungsarbeit. Der freie Austausch von
Saatgut unter den Bauern und das Aufbewahren eines Teils der Ernte zur
Wiederaussaat ist bis heute die Grundlage kleinbäuerlicher Landwirtschaft im
Irak und vielen Ländern der so genannten Dritten Welt. Laut Angabe der
Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist dies auch bei 97
Prozent der irakischen Bauern Praxis. Freier Nachbau und Saatguttausch sind
für 1,4 Milliarden Kleinbauern auf der Welt nicht nur die Basis für das
Überleben, sondern auch für die Weiterentwicklung und Erhaltung der
biologischen Vielfalt. Weltweit befinden sich schätzungsweise noch 75
Prozent des Saatgutes in den Händen der Bauern und sind damit der Kontrolle
durch die großen multinationalen Konzerne des Agrarsektors entzogen.
Anordnung der Sieger
Nach den Plänen von US-Regierung und Agro-Industrie sollen jedoch
traditionelle Sorten, freier Saatguttausch und Sortenvielfalt im Irak schon
bald der Vergangenheit angehören. Ein Erlass des ehemaligen Zivilverwalters
für den Irak, Paul Bremer, könnte die (Ernährungs)Souveränität des Landes so
nachhaltig beeinträchtigen wie keine andere politische Intervention aus
Washington. Denn dieses Gesetz, von der Besatzungsmacht erlassen und Anfang
März vom irakischen Parlament ratifiziert, erklärt die seit Jahrtausenden
gepflegte Tradition von Nachbau und Saatguttausch de facto für illegal und
forciert das Eindringen der Saatgutkonzerne in den Irak. Als Bremer Ende
Juni 2004 Bagdad verließ, hinterließ er der irakischen Übergangsregierung
eine Reihe neuer Verordnungen und Gesetzesentwürfe. Unter diesen Gesetzen
befindet sich der Erlass 81, der das irakische Patentrecht von 1970
ersetzt.1 Dieser Erlass über "Patente, Industriemuster, unveröffentlichte
Informationen, integrierte Schaltkreise und Pflanzensorten" stellt gültiges
und bindendes Recht dar.
Erlass 81: Die Lex Monsanto
Die Umweltorganisationen ,Focus on the Global South' und GRAIN hatten im
Oktober 2004 die Weltöffentlichkeit darüber informiert, dass im Irak das
uralte System der Wiederaussaat eines Teils der Ernte durch die neuen
Gesetze der US-Besatzer faktisch verboten wird.2 In Zukunft soll stattdessen
patentiertes oder geschütztes Saatgut von Konzernen wie Monsanto, Bayer oder
Syngenta auf den irakischen Markt kommen. In das ursprüngliche irakische
Patentgesetz wurde zu diesem Zweck ein völlig neuer Abschnitt über den
"Schutz neuer Pflanzensorten" eingefügt. Der Nachbau dieser neuen Sorten ist
strikt verboten. So besagt der neue Artikel 15 des irakischen
Patentgesetzes: "Den Landwirten ist es untersagt, Saatgut geschützter Sorten
[...] nachzubauen..."3 Gleichzeitig werden den Bauern drakonische Strafen
für die Verletzung des Nachbauverbotes, Handel oder Aufbewahrung geschützter
Pflanzensorten angedroht. Und schließlich wird in Erlass 81 ausdrücklich der
Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen gestattet: Artikel 14, Absatz
D: "Diese [...] Sorten können auch das Ergebnis einer gentechnischen
Veränderung sein."
Die Umsetzung dieses Erlasses wäre eine Kriegserklärung an die irakischen
Landwirte, so die Umwelt- und Entwicklungsorganisation GRAIN. Von den
US-Besatzern wird das neue Gesetz dagegen als notwendiger Schritt
dargestellt, "um die Versorgung des Irak mit hochwertigem Getreide zu
sichern", den "Wiederaufbau der irakischen Landwirtschaft" voranzutreiben
und den Beitritt des Landes zur WTO zu erleichtern. Das neue, von den USA
erzwungene Patentgesetz führt zu diesem Zweck ein System von Monopolrechten
an Saatgut und Privateigentum an biologischen Ressourcen ein, das die
irakische Verfassung bislang verboten hatte. Die darin enthaltenen
Sortenschutzrechte sind eine Art geistiger Eigentumsrechte, die einem Patent
auf Pflanzensorten gleichkommen. Sie sind international an die so genannte
UPOV-Konvention4 gebunden. Dieses Internationale Übereinkommen zum Schutz
von Pflanzenzüchtungen wurde 1961 unterzeichnet und trat 1968 in Kraft. Ziel
der UPOV ist es, Züchtern exklusive Eigentumsrechte zuzusprechen. Bei der
letzten Änderung von 1991 wurden die Rechte der Züchter noch einmal stark
erweitert und dabei traditionelle Bauernrechte eingeschränkt.
Verschärfung des Sortenschutzes
Erlass 81 geht aber weit über das Internationale Übereinkommen zum Schutz von
Pflanzenzüchtungen (UPOV) hinaus. UPOV schützt zwar die "geistigen"
Eigentumsrechte von Pflanzenzüchtern und legt die Zahlung von Lizenzgebühren
bei registrierten Sorten fest. Es erlaubt den Bauern jedoch im so genannten
Landwirte-Privileg, von der Ernte Saatgut zu behalten und es im nächsten
Jahr ohne neuerliche Zahlung von Lizenzgebühren auszusäen. Außerdem dürfen
Landwirte dieses Saatgut auch für Weiterzüchtungen verwenden. Dieses
Privileg soll laut Erlass 81 im Irak zugunsten der großen Agrarkonzerne
fallen: Er verbietet explizit und ohne jede Einschränkung die Wiederaussaat
von geschützten Sorten und hebelt damit das Landwirte-Privileg vollständig
aus. Produktion, Reproduktion, Verkauf, Export und Import geschützter
Pflanzensorten sind danach ausschließlich den Saatgutkonzernen vorbehalten.
Damit geht der Sortenschutz, wie er in Erlass 81 definiert wird, weit über
alles bisher bekannte hinaus und ist nur mehr in Nuancen vom Patentrecht zu
unterscheiden.
Freie Märkte für Iraks Landwirtschaft?
Erlass 81 hält fest, dass die darin enthaltenen Vorschriften von großer
Bedeutung sind für den Übergang des Irak "von einer intransparenten
Planwirtschaft zu einer freien Marktwirtschaft, die gekennzeichnet ist von
nachhaltigem Wirtschaftswachstum durch die Errichtung eines dynamischen
privatwirtschaftlichen Sektors und vom Bedarf an institutionellen und
rechtlichen Reformen, die diesen Übergang wirksam werden lassen." Die
,Reform' der Landwirtschaft wird vor allem von der US Agentur für
internationale Entwicklung (USAID) vorangetrieben, die seit Oktober 2003 ein
,Landwirtschaftliches Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramm für den Irak'
(ARDI) leitet. Ziel von ARDI ist, die Geschäftsbedingungen für Unternehmen
im Agrarbereich zu verbessern und so Märkte für Agrarprodukte und
entsprechende Dienstleistungen aus Übersee zu schaffen. Diese
Wiederaufbauarbeit hat aber nichts mit dem Wiederaufbau innerstaatlicher
Wirtschaftsstrukturen und -kapazitäten zu tun, sondern unterstützt mit
Billigung der Besatzungsmächte die Konzerne dabei, den irakischen Markt zu
übernehmen. Der von Bremer geschaffene rechtliche Rahmen stellt damit die
dauerhafte Beherrschung der irakischen Wirtschaft durch die USA auch für den
Fall sicher, dass sich die US-amerikanischen Truppen in absehbarer Zeit aus
dem Irak zurückziehen. Der Erlass steht in Zusammenhang mit einer rabiaten
neoliberalen Umstrukturierung der irakischen Wirtschaft. Nutznießer dieses
Umbaus sind ausschließlich große, transnationale Konzerne. So wird
bei-spielsweise in einem anderen Dekret (Erlass 39) verfügt, dass
ausländische Investoren die gleichen Rechte auf dem irakischen Binnenmarkt
besitzen wie die Iraker selbst.
Bilaterale Knebelvereinbarungen
Der Irak ist lediglich ein weiteres, extremes Beispiel für die globale
Durchsetzung von Gesetzen, die multinationalen Konzernen auf Kosten der
Bauern Monopolrechte und Patente auf Saatgut ermöglichen. So wurden auch Sri
Lanka, Kambodscha und anderen Ländern des Südens im Rahmen von
Handelsabkommen von den USA Sortenschutzgesetze aufgezwungen, die über die
Standards des WTO-Rechts hinausgehen und sich an UPOV 91 orientieren.
Unlängst haben die USA als Teil ihrer Wiederaufbauunterstützung ein
Rahmenabkommen über Handel und Investitionen mit Afghanistan unterzeichnet,
welches auch den Aspekt geistiger Eigentumsrechte umfasst. Der Irak ist nur
insofern ein Sonderfall, als das neue Patentgesetz nicht Teil von
Verhandlungen zwischen souveränen Staaten war, sondern von den USA als
Besatzungsmacht dekretiert wurde. Shalini Butani, einer der Autoren der
GRAIN-Studie: "Die USA haben durch Handelsvereinbarungen überall auf der
Welt Patente auf Leben durchgesetzt. In diesem Fall haben sie ein Land erst
überfallen und ihm dann ihr Patentrecht aufgezwungen. Das ist unmoralisch
und nicht hinnehmbar."5
Wege der Kontamination I: Nahrungsmittelhilfe
Wie jedoch kommen Industriesorten oder genmanipulierte Pflanzen der Agro- und
Gentechnikkonzerne in den Irak? Zum einen über die Nahrungsmittelhilfe des
Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP). Hauptsponsor des
Welternährungsprogramms sind traditionell die USA, die auf diese Weise ihre
massiven Agrarüberschüsse entsorgen, vor allem genmanipulierter Mais und
Soja, für die es auf dem Weltmarkt keinen Käufer gibt. In Mexiko wurde mit
GVO-kontaminierter Nahrungsmittelhilfe innerhalb weniger Jahre ein
bedeutender Teil des traditionellen Saatgutes mit Genmais verschmutzt. Denn
diese "Nahrungsmittelhilfe" ist nicht als gentechnisch verändert
gekennzeichnet und wird von den nicht informierten Bauern als Saatgut
verwendet. Patentierte Gentech-Pflanzen und andere geschützte
Industriesorten können so leicht überall auf der Welt verbreitet werden.
Gezielte Kontamination wird von der Agro-Industrie als ein entscheidendes
Mittel angesehen, den weltweiten Widerstand gegen die Gentechnik zu brechen.
Auf einem Gentechnikkongress im Jahre 1999 wurde den Teilnehmern das
Firmenziel des Monsanto-Konzerns vorgestellt. Die Arthur Anderson Consulting
Group hatte die Firma gefragt, wie sich das Unternehmen die Zukunft des
Saatgutmarktes vorstelle. Die Firma entwarf ein Szenario, in dem binnen 15
bis 20 Jahren sämtliches Saatgut auf der Welt gentechnisch verändert und
damit patentiert sein würde. Die entscheidende Strategie, die der Konzern
verfolgen solle, so die Empfehlung der Arthur Anderson Consulting Group, sei
die Einflussnahme auf die US-Regierung. Deren Rolle solle es sein,
genmanipulierte Produkte auf die Märkte der Welt zu bringen, bevor sich
Widerstand regt.6"Die Industrie hofft darauf, dass der Markt im Lauf der
Zeit so überschwemmt wird, dass man nichts mehr dagegen tun kann. Man findet
sich einfach damit ab," sagte der Vertreter eines
Biotechnologieunternehmens.7 Die Umsetzung dieser Strategie kann heute in
mustergültiger Form im Irak beobachtet werden.
Wege der Kontamination II: Anbauhilfe
Eine weitere Möglichkeit des Eindringens geschützter oder genmanipulierter
Pflanzen in die Landwirtschaft des Irak legt ein Artikel der "Land and
Livestock Post" nahe: Im Rahmen eines 107 Millionen Dollar teuren Projektes,
das von der texanischen A&M Universität durchgeführt wird, sollen irakische
Bauern im Anbau geschützter "Hochertragssorten" von Gerste, Erbsen und
Weizen unterrichtet werden.8 Welche Art von Pflanzen bei diesem Projekt
propagiert wird, daran lässt die Selbstbeschreibung der Universität keinen
Zweifel. In ihrem Internet-Auftritt bezeichnet sie sich als eine weltweit
führende Kraft in der landwirtschaftlichen Biotechnologie, in den USA ein
Synonym für Gentechnik.9 Zweifellos wird es für die irakischen Bauern wie
während der "Grünen Revolution" in Asien zunächst zu großzügigen
Unterstützungen oder günstigen Krediten für den Kauf von Industriesaatgut
und der dazugehörigen Agrarchemikalien kommen.
Breitbandpatente auf Pflanzeneigenschaften
Schließlich erstreckt sich der Geltungsbereich von Erlass 81 auch auf solche
Pflanzensorten, die gleiche oder ähnliche Charakteristiken wie die
geschützten Industriesorten besitzen. Damit können auch traditionelle
irakische Landsorten unter das Diktat von Pflanzenpatenten fallen. Proben
dieser Pflanzensorten wurden seit den 70er Jahren in der nationalen Genbank
in Abu Ghraib vor den Toren Bagdads gesammelt. Wahrscheinlich sind alle
diese Proben während der Kriege verloren gegangen. Allerdings hat das in
Syrien ansässige International Centre for Agricultural Research in Dry Areas
(ICARDA) immer noch Ableger mehrerer irakischer Pflanzensorten im Besitz.
Doch schon in anderen Fällen wurde Pflanzenmaterial, das sich im Besitz
eines der internationalen Agrarforschungsinstitute befand (u.a. verschiedene
Reissorten), unter der Hand an Wissenschaftler aus den Industrieländern
weitergegeben, die sich aus diesem Material entwickelte Pflanzen dann
patentieren ließen. Diese Form von "Biopiraterie" wird durch Gesetze über
geistige Eigentumsrechte gefördert, die traditionelles Wissen von Bauern
nicht berücksichtigen und einem Züchter praktisch uneingeschränkte Rechte
verleihen, wenn er behauptet, auf der Grundlage des Pflanzenmaterials und
des Wissens genau jener Bauern etwas Neues geschaffen zu haben.
Auf dieser Grundlage ist es Unternehmen möglich, eine Pflanzensorte zu
entwickeln, welche spezifische Charakteristiken, beispiels-weise eine
Resistenz gegen eine im Irak vorkommende Pflanzenkrankheit besitzt. Diese
Eigenschaft könnte dann patentiert werden, obwohl es im Irak möglicherweise
seit Hunderten von Jahren Sorten gibt, die die gleiche Resistenz besitzen.
Dass dieses Szenario realistisch ist, zeigt ein Patent der Firma SunGene.
Diese ließ sich vor einigen Jahren eine Sonnenblumensorte mit einem hohen
Ölsäuregehalt patentieren. Das Patent umfasst jedoch nicht nur die
genetische Struktur der Sorte, sondern den hohen Ölgehalt als solchen. Nach
der Erteilung des Patents informierte die Firma umgehend andere
Sonnenblumenzüchter, dass jede andere Züchtung auf gleiche oder höhere
Ölgehalte eine Patentverletzung darstelle und gerichtlich verfolgt würde.
Ausweglose Lage
Welche Möglichkeit haben Iraks Bauern, mit dieser Situation umzugehen? Sie
können zum einen versuchen, weiterhin ihr im Verlauf der jahrelangen Kriege
rar gewordenes traditionelles Saatgut zu verwenden, oder sie können die
teuren, "neuen" Sorten der Konzerne Monsanto, Syngenta, Dow und Bayer auf
Kredit kaufen, sich damit in die Schuldenspirale begeben, die auch Bauern in
Ländern wie Indien ruiniert hat, und zusätzlich das Recht auf Nachbau
verlieren. Doch auch die Bauern, die sich für die erste Option entscheiden,
werden sich wie ihre Kollegen aus Kanada oder Mexiko nicht vor der
Kontamination ihrer Felder durch GVO und andere geschützte Sorten der
Großkonzerne schützen können.
Ob über Nahrungsmittelhilfe, Pollenflug, Insektenbestäubung oder technische
Kontamination bei Transport oder Verarbeitung: Innerhalb weniger Jahre wird
jeder irakische Bauer zu einem mehr oder weniger großen Anteil Pflanzen auf
seinen Äckern stehen haben, die er nicht mehr als Saatgut für die nächste
Saison nutzen darf. Er wird dadurch gezwungen sein, jedes Jahr neues Saatgut
bei den großen multinationalen Konzernen einzukaufen oder sich der
Verletzung des Sorten- oder Patentrechts schuldig machen.
Menetekel Kanada
Der Fall Percy Schmeiser zeigt eine Realität, die auch im Irak Alltag werden
könnte: Der kanadische Landwirt Schmeiser wurde vom höchsten kanadischen
Gericht schuldig gesprochen, weil Genraps der Firma Monsanto auf seinen
Feldern wuchs. Der Wind hatte den Rapssamen, der resistent gegen das
Pestizid Roundup® ist, von einem Transporter auf seine Felder geweht und
sich mit Schmeisers Züchtung vermischt. Der Bauer hatte dann wie immer einen
Teil der Ernte wieder ausgesät. Von Monsanto ausgeschickte Detektive
kontrollierten seine Felder, es kam zur Klage. Im Sinne des Patentrechts sei
irrelevant, wie die Samen auf Schmeisers Felder gekommen seien, befand das
Gericht. Er wurde für schuldig befunden, die geschützten Monsanto-Pflanzen
widerrechtlich genutzt zu haben. Wörtlich erklärten die Richter: "Durch den
nicht lizenzierten Anbau von Pflanzen, die das patentierte Gen enthalten,
brachten die Schmeisers Monsanto um den Monopolanspruch."10
Monopole auch auf Werkzeuge
Das Patentrecht macht es also irrelevant, ob der Anbau absichtlich oder
unabsichtlich, aufgrund von technischer Kontamination oder Auskreuzung
stattfindet: Sobald eine Pflanze patentiertes Genmaterial in sich trägt,
gehört sie der Firma, die dieses Material patentiert hat. Nach diesem
Grundsatzurteil ist klar: Wenn ein irakischer Bauer traditionelles Saatgut
benutzt und die geschützte oder patentierte Sorte eines Nachbarn auf seine
Pflanzen auskreuzt, macht er sich strafbar. Die Folgen dieser
Patentrechtsverletzung können den betreffenden Landwirt um seine Existenz
bringen. Erlass 81 sagt dazu: "Das Gericht kann die Konfiszierung der Ernte
als auch der Materialien und Werkzeuge anordnen, die zur Verletzung des
Schutzes der Sorte genutzt wurden. Das Gericht kann auch die Vernichtung der
Ernte [...] anordnen."11 Das bedeutet, dass ein Landwirt, der nichts anderes
macht als das, was Bauern seit dem Beginn der Zivilisation tun, nämlich
einen Teil seiner Ernte wieder auszusäen, nicht nur diese und alle aus ihr
gewonnenen Produkte wie Brot etc. verlieren kann, sondern auch seinen
Traktor, Pflug oder Lagermöglichkeiten.
Zäsur in der Zivilisation
Erlass 81 ist eine Zäsur in der Geschichte der menschlichen Zivilisation.
Diese hatte mit der gemeinschaftlichen Sorge der Menschen um die Sicherung
der Ernährung und mit freiem Saatguttausch begonnen. Sie endet mit der
Kontrolle einer Handvoll Großkonzerne über die Grundlagen der menschlichen
Ernährung. "Beherrsche die Energie, und du beherrschst die Völker.
Beherrsche die Nahrung, und du beherrschst die Menschen" - Henry Kissinger,
der ehemalige amerikanische Außenminister, soll dies gesagt haben. Seine
Adepten haben diesen Satz verinnerlicht.
Saatgut steht am Anfang der Nahrungskette
Politische Souveränität wird für den Irak noch lange eine Illusion bleiben,
doch sein Recht auf Ernährungssouveränität ist durch diese neuen Regelungen
zur Unmöglichkeit geworden. Ernährungssouveränität meint das Recht der
Menschen, ihre eigene Lebensmittel- und Landwirtschaftspolitik festzulegen,
die inländische Agrarproduktion und den Handel mit Agrarprodukten zu
schützen und zu regulieren und darüber zu entscheiden, auf welche Weise
Nahrungsmittel hergestellt werden. Doch von Freiheit und Souveränität des
Irak, so der abschließende Kommentar von GRAIN, "kann solange keine Rede
sein, wie die Iraker keine Kontrolle darüber haben, was sie säen, anbauen,
ernten und essen."
Literatur:
- Patent, Industrial Design, Undisclosed Information, Integrated Circuits and
Plant Variety Law of 2004, CPA Order No. 81, 26.4.2004,
www.iraqcoalition.org/regulations/20040426_CPAORD_81_Patents_Law.pdf
- GRAIN/Focus on the Global South October 2004: Iraq's new patent law: A
declaration of war against farmers; www.grain.org/articles/?id=6; deutsche
Übersetzung: BUKO Kampagne gegen Biopiraterie,
www.biopiraterie.de/texte/biopiraten/irak.php
- Article 15 is added to read
as follows: "B. Farmers shall be prohibited from re-using seeds of protected
varieties or any variety mentioned in items 1 and 2 of paragraph (C) of
Article 14 of this Chapter."
- www.upov.org/
- GRAIN: World Food Day: Iraqi farmers aren't celebrating, 15.10.2004
www.grain.org/nfg/?id=253
- Jeffrey M. Smith, Trojanische Saaten -
Genmanipulierte Nahrung. Genmanipulierter Mensch, Riemann Verlag, 2004
- Stuart Laidlaw, StarLink fallout could cost billion, The Toronto Star,
9.1.2001
- www.landandlivestockpost.com/crops/110103iraqiag.htm
- www.theecologist.co.uk/article.html?article=487
- "By cultivating a plant containing the patented gene and composed of the
patented cells without license, [the Schmeisers] thus deprived Monsanto of
the full enjoyment of its monopoly" Brigitte Zarzer: Percy Schmeiser
verliert gegen Monsanto, 24.05.2004,
www.heise.de/tp/r4/artikel/17/17492/1.html
- ebd.: "The court may order the
confiscation of the infringing variety as well as the materials and tools
substantially used in the infringement of the protected variety. The court
may also decide to destroy the infringing variety as well as the materials
and tools or to dispose of them in any noncommercial purpose."
Andreas Bauer
Umweltnachrichten, Ausgabe 101 / Mai 2005
Erklärung Alternativer Nobelpreisträger gegen Erlass 81
Bei einer Konferenz zum 25jährigen Jubiläum des alternativen Nobelpreises in
München im März 2005 wurde über die verheerenden Auswirkungen von Erlass 81
auf die irakische Landwirtschaft diskutiert. Die 13 anwesenden Träger des
Preises unterzeichneten eine Resolution, in der der Erlass als "Verbrechen
gegen die Menschheit" bezeichnet wird und die Regierungen der USA und des
Irak zur sofortigen Rücknahme des Erlasses aufgefordert werden. Die
Erklärung lautet:
Die Order 81: Verbrechen gegen die Menschheit!
Der Irak ist eine Wiege der Zivilisation und der Landwirtschaft unserer Erde.
Die traditionelle Vielfalt der Kulturpflanzen im Irak, die sich über
Tausende von Jahren entwickelt hat, ist nicht nur Vermächtnis und Rechtsgut
der irakischen Bauern, sondern der ganzen Welt.
Die ,Order 81' wurde vom US-Beauftragten für den Wiederaufbau des Irak, Paul
Bremer, erlassen. Sie hat zum Ziel, dass die irakischen Bäuerinnen und
Bauern zukünftig daran gehindert werden, ihre uralten Saaten und
Kulturpflanzen anzubauen. Die Bäuerinnen und Bauern werden dazu gezwungen,
nur noch industriell entwickeltes, gentechnisch manipuliertes und von
Unternehmen patentiertes Saatgut zu verwenden.
Wir fordern von der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika wie von der
Regierung des Irak, die ,Order 81' zurückzunehmen.
Wir rufen die internationale Gemeinschaft dazu auf, die Vielfalt der
landwirtschaftlichen Kulturpflanzen, die sich über Tausende von Jahren
entwickelt haben, zu schützen und weiter zu verbreiten.
Dringendes Handeln ist erforderlich, um dieses Welterbe zu retten und zu
bewahren. Dazu müssen regionale Samenbanken aufgebaut werden, die von den
örtlichen einheimischen Bäuerinnen und Bauern kontrolliert werden.
München, 12. März 2005
Die Alternativen Nobelpreisträgerinnen und -träger:
Dr. Ibrahim Abouleish, Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Dürr, Prof. Johan Galtung,
Stephen Gaskin, Tapio Mattlar, Prof. Dr. Manfred Max-Neef, Pat Mooney,
Nicanor Perlas, Prof. Dr. P. K. Raveendran, Irina Sherbakova, Dr. Vandana
Shiva, Sulak Sivaraska, Prof. Dr. Michael Succow
V.i.S.d.P.: Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Dürr, Global Challenges Network,
Frohschammer Str. 14, D-80807 München, www.gcn.de
siehe auch:
Haltet den Dieb?
Gentechnik-Gigant Monsanto kontrolliert Landwirtschaft
Die USA zwingen dem Irak genmanipuliertes Saatgut auf
GEN-Mais im Oderbruch
Monsanto hat die Pampa erobert
Monsantos Routine
Monsanto
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