Haltet den Dieb?
Brigitte Zarzer 26.04.2005
Der Gentech-Multi Monsanto drangsaliert, bespitzelt oder verklagt US-Bauern
und erwirtschaftet damit Millionen Dollar an Zusatzeinnahmen
Die aggressive Durchsetzungspolitik von Patentrechten hat Monsanto schon
mehrmals in die Schlagzeilen gebracht. Das US-Zentrum für
Nahrungsmittelsicherheit (CFS (1)) legte nach ausführlichen Recherchen jetzt
einen Bericht zu den fragwürdigen Methoden Monsantos vor. Danach erreicht
allein die Gesamtsumme aller dokumentierten Gerichtsurteile, die dem Konzern
aufgrund von Klagen zugesprochen wurde, eine Höhe von über 15 Millionen
Dollar. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Stellen Sie sich vor, Sie besitzen irgendwo in den USA ein kleinen Laden und
verkaufen Haushaltsgeräte, Socken oder sonstige Ware, die nicht wirklich
etwas mit gentechnisch verändertem Saatgut zu tun hat. Eines Tages spazieren
zwei Männer herein, drücken Ihnen Visitenkarten in die Hand und erklären in
aggressivem Tonfall, man wäre gekommen, um sich mit Ihnen wegen Ihrer
Sojabohnen zu einigen. Wahrscheinlich würden Sie die Welt nicht mehr
verstehen und die beiden aus Ihrem Laden schmeißen.
So reagierte auch Gary Rinehart, ein Kaufmann aus Missouri, als die Ermittler
im Auftrag von Monsanto bei ihm - wie beschrieben - einschneiten. Dennoch
musste Rinehart erst seinen Anwalt einschalten, der die Agenten schließlich
überzeugte, dass sie dem falschen Mann nachjagten. Denn Gary Rinehart ist
kein Bauer, sondern Kaufmann und hat mit GV-Sojabohnen nun gar nichts am Hut.
Rinehart hat dadurch allerdings auch den Vorteil, sich kein Blatt vor den Mund
nehmen zu müssen und erzählte seine Geschichte frank und frei den
Rechercheuren des Zentrums für Nahrungsmittelsicherheit (CFS) mit Sitz in
Washington. Als "großmäulig", "heftig" und als "Klugscheißer" beschrieb er
einen der Monsanto-Ermittler. Gegenüber dem Chicago Tribune erklärte (2)
Rinehart zudem, die Ermittler hätten auch einige richtige Farmer der Gegend
drangsaliert und immer wieder betont, wie groß und mächtig Monsanto sei und
ein kleiner Bauer ohnehin keine Chance vor Gericht habe. Was Rinehart so
offen beschreibt, dürfte kein Einzelfall sein, wenngleich viele Farmer die
Schauergeschichten über Monsanto nur hinter vorgehaltener Hand erzählen.
Durchschnittlich 500 Ermittlungen im Jahr führt das Unternehmen laut dem CFS
wegen angeblicher Patentrechtsverletzungen durch.
Monsanto räumt selbst ein, eine kostenfreie Hotline zu unterhalten, unter der
Bauern Hinweise bei Verdacht auf Verstöße gegen Patentrechte des Konzerns
deponiert werden können. Den Bericht von CFS spielt Monsanto jedoch herunter.
Gegenüber der Chicago Tribune betonte ein Sprecher, dass die Zahl der
verklagten Bauern verschwindend gering sei gegenüber den etwa 300.000
Linzenznehmern, mit denen das Unternehmen gute Beziehungen unterhalten würde.
Es sei keine Absicht, unschuldige Bauern zu verklagen. und wenn
Monsanto-Saatgut unwissentlich oder unbeabsichtigt auf die Felder gelangen
würde, so wäre das keine Grund für den Konzern gegen die Bauern vorzugehen.
Die damit befasste Abteilung sei das "letzte Ressort" des Unternehmens.
Drohen, vergleichen und klagen
Gegen diese Darstellung sprechen aber etliche publik gewordene Fälle. Der
bekannteste Prozess gegen den kanadischen Farmer Percy Schmeiser (3) ging
immerhin bis vor den obersten Gerichtshof. Schmeiser hatte immer wieder
betont, dass seine Felder mit Monsanto-Saatgut verunreinigt worden wären.
Dennoch zerrte ihn Monsanto wegen Patentrechtsverstößen vor den Kadi und
verlangte exorbitante Schadenersatzsummen (Percy Schmeiser verliert gegen
Monsanto (4)) . Auch die Größe der Rechtsabteilung spricht gegen die Aussagen
des Monsanto-Sprechers. Laut CFS wären immerhin 75 Angestellte mit
Ermittlungen und Klagen wegen Patentverletzungen beschäftigt und es sei ein
jährliches Budget von 10 Millionen US-Dollar dafür vorgesehen.
Das "Center for Food Safety" ist eine angesehene amerikanische
Non-Profit-Organisation die sich hauptsächlich aus einer Gruppe von Juristen
zusammensetzt. Für den jüngsten Bericht wurde zwei Jahre lang recherchiert
und sind zahlreiche Interviews mit US-Bauern und Anwälten geführt worden. Die
Schlussfolgerung der Organisation:
Kein Bauer kann sich vor Monsantos langem Arm sicher sein. Bauern wurden
verklagt, nachdem ihr Feld durch Pollen von gentechnischen Pflanzen eines
anderen Landwirts verunreinigt wurde, wenn gentechnisches Saatgut einer
vorjährigen Kultur auf Feldern, auf denen im Folgejahr keine gentechnischen
Sorten angebaut wurden, keimte und selbst dann, wenn die Bauern zwar nie
Monsantos Saatgut-Vertrag unterschrieben hatten, aber trotzdem das
patentierte Pflanzensaatgut aussäten.
Monsanto gegen Bauern: (5). Bericht des CFS -
deutsche Übersetzung von Barbara Schiller im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft
bäuerliche Landwirtschaft (AbL)
Über die Vorgangsweise des Gentech-Multis berichtet das CFS:
Im allgemeinen kann Monsantos Vorgehen bei der Verfolgung von Bauern in drei
Phasen eingeteilt werden: 1. Ermittlungen gegen Bauern, 2. außergerichtliche
Vergleiche und 3. Prozesse gegen Bauern.
Meistens bekommen die Farmer ein Einschreiben mit "einschüchterndem Charakter"
zugestellt. Oft tauchen unvermittelt Detektive im Auftrag Monsantos auf, die
Proben von den Feldern ziehen. Die US-Bundesstaaten Norddakota und Indiana
haben inzwischen dem aggressiven Vorgehen des Konzerns einen Riegel
vorgeschoben, wonach Probenentnahmen nur noch unter bestimmten Bedingungen
durchgeführt werden dürfen.
Viele US-Farmer haben aber angesichts der vermeintlichen Übermacht des
Konzerns inzwischen Vergleichen zugestimmt. Oftmals würden sie auch
Saatgutverträge mit Monsanto unterschreiben, weil dann Zahlungen geringer
ausfallen, berichtet CFS. Böse Zungen könnten behaupten, dass das wohl auch
eine gute Strategie ist, sein Saatgut unter die Bauern zu bringen.
Wie auch immer, bekannt wurde ein Fall, wonach ein Bauer aus Nord-Carolina
sich zu einer Zahlung von 1,5 Millionen verpflichtete. 1999 berichtete die
Washington Post, dass etwa die Hälfte der 525 der durchgeführten Ermittlungen
mit außergerichtlichen Vergleichen beigelegt worden wären. Aus
Unternehmensberichten des Konzerns würde hervorgehen, dass "seit dem Jahr
2000 entstandene Schäden in einem Gesamtwert von mehreren Millionen Dollar
durch außergerichtliche Vergleiche" bereinigt worden wären, so das CFS. Die
Organisation wirft auch die Frage auf, wo diese Gelder letztlich gelandet
wären:
Monsanto selbst gibt an, kein Interesse daran zu haben, aus den Vergleichen
Gewinne zu ziehen, und behauptet, dass die Vergleichszahlungen der Bauern in
Stipendien und andere Bildungsinitiativen fließen. Brian Hurley, ein Sprecher
von Monsanto berichtete, dass der gesamte Gewinn, den das Unternehmen bei
außergerichtlichen Vergleichen macht, für Stipendienzwecke an das American
Farm Bureau (Bauernvereinigung in den USA) gespendet wird. Allerdings lässt
Monsanto der American Farm Bureau Stiftung jährlich nur 150.000 US-Dollar für
Stipendien zukommen. Es ist nicht bekannt, wo die restlichen Millionen
verbleiben.
Abhängige Bauern
Klarer ist die Zahl der Klagen, die als "letztes Mittel" gegen Bauern
angewandt werden. 90 Klagen wurden bis dato von Monsanto gegen
US-amerikanische Bauern eingereicht. Die Klagen betreffen 147 Bauern und 39
kleine Firmen oder Händler. Die teuerste dokumentierte Entscheidung, die
bisher zugunsten von Monsanto in Folge einer Klage gegen einen Bauern
ausgesprochen wurde, umfasst einen Zahlungsanspruch von 3.052.800 US-Dollar.
Die Gesamtsumme aller dokumentierten Gerichtsurteile, die Monsanto aufgrund
von Klagen zugesprochen wurden, erreicht eine Höhe von 15.253.602,82
US-Dollar. Im Durchschnitt haben in Fällen mit dokumentierten
Gerichtsurteilen eine Zahlung von 412.259,54 US-Dollar geleistet, so CFS.
Aus Shareholder- und Manager-Sicht scheint die Vorgangsweise Monsantos
allerdings recht erfolgreich zu sein. Erst kürzlich wurden wieder Zahlen
bekannt gegeben. Danach belief (6) sich der Nettogewinn auf 373 Mio. Dollar
bzw. 1,37 Dollar pro Aktie nach 154 Mio. Dollar bzw. 57 Cents pro Aktie im
Vorjahr. Das Unternehmen macht dafür wesentlich die Erfolge im
Gentech-Bereich verantwortlich.
Die US-Bauern allerdings haben wenig zu lachen mit Monsanto. Hinter
vorgehaltener Hand klagen viele, dass sich ihre Erwartungen nicht erfüllt
hätten. Sie bleiben auf Knebelverträgen sitzen, die Monsanto viele Rechte
einräumen. Die Bauern verlieren hingegen alt verbürgte Rechte. So darf ?
entgegen alter bäuerlicher Traditionen - Saatgut der eigenen Ernte nicht
aufbewahrt und wieder ausgesät werden. Ein Ausstieg aus Monsanto-Verträgen
ist praktisch unmöglich. Und wer nicht einsteigt, muss in den USA mit
"plumpen Ermittlungen" rechnen. Oder wie es Tom Wiley, ein Bauer aus
Norddakota gegenüber dem CFS erklärte:
Bauern werden verklagt, weil man GVOs auf ihrem Betriebsgelände findet, die
sie nicht gekauft haben, nicht wollen, nicht benutzen werden und nicht
verkaufen können.
Links
- http://www.centerforfoodsafety.org/ - ^
- http://www.agribusinesscenter.org/headlines.cfm?id=743 (nicht mehr aktuell) - ^
- http://www.percyschmeiser.org (nicht mehr erreichbar) - ^
- http://www.telepolis.de/r4/artikel/17/17492/1.html - ^
- http://www.abl-ev.de/gentechnik/ - ^
- http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2005-04/artikel-4638948.asp - ^
siehe auch:
Gentechnik-Gigant Monsanto kontrolliert Landwirtschaft
Die USA zwingen dem Irak genmanipuliertes Saatgut auf
GEN-Mais im Oderbruch
Monsanto hat die Pampa erobert
Monsantos Routine
Monsanto
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