Artikel erschienen am Di, 15. Februar 2005
http://www.welt.de/data/2005/02/15/463664.html

Monsanto hat die Pampa erobert

Argentinien

von Gaby Weber
Buenos Aires - Seit Jahren sägt der US-Saatgutkonzern Monsanto am argentinischen Patentrecht. In dem südamerikanischen Land dürfen - wie in den Nachbarstaaten - Landwirte ihre Ernte aus genmanipuliertem Sojasamen umsonst wieder für die eigene Aussaat verwenden. In Europa hingegen müssen die Bauern jedes Jahr dafür "Nachbaugebühren" entrichten. Um dieses Bauernrecht zu Fall zu bringen, führe Monsanto, so heißt es am Rio de la Plata, eine Kampagne gegen Buenos Aires.

Zuerst drohte das Unternehmen, das Land zu verlassen. Damit wäre die Zukunft des ganzen Gensoja-Anbaus in Gefahr gewesen, denn fast auf allen Sojafeldern wird genmanipulierter Samen aus dem Hause Monsanto gesät. Das Unternehmen besitzt heute ein Monopol, die meisten argentinischen Saatgutfirmen haben vor Jahren Bankrott gemacht. Monsanto verließ das Land nicht, kündigte aber Ende 2004 an, künftig bei den europäischen Käufern die Abgaben zu kassieren, die ihrer Meinung nach die südamerikanischen Landwirte zahlen müßten. "Erpressung", kommentierte der argentinische Landwirtschaftsminister. Inzwischen sitzen alle Beteiligten wieder an einem Tisch, und die Regierung versucht, den Konflikt zu entschärfen.

José Russo, Präsident des Nationalen Saatgutinstituts, das dem Landwirtschaftsministerium untersteht, hat einen Kompromiß vorgeschlagen, einen "technologischen Kompensationsfonds", in den die Landwirte bis zu einem Prozent ihres Umsatzes einzahlen, und aus diesem Fonds soll Monsanto bezahlt werden. Niemand ist mit diesem Vorschlag glücklich. Für die Landwirte bedeutet die neue Abgabe eine Verteuerung ihrer Produktion. Und Monsanto fürchtet mehr Bürokratie.

Wie das Geld bei den europäischen und chinesischen Abnehmern eingetrieben werden soll, hat Monsanto bisher nicht verraten. Vermutlich will das Unternehmen bei den Exportfirmen im Hafen von Buenos Aires die Hand aufhalten. Aber ob die freiwillig an ein privates Unternehmen zahlen, nur weil die Käufer der Soja - in Europa - ein anderes Patentrecht haben? Die Rechtslage ist ungeklärt, so Russo: "Wofür wollen die eigentlich kassieren? Das manipulierte Gen im Saatkorn spielt nur bei der Aussaat eine Rolle, nicht beim Wachstum. Wir exportieren Soja für den Konsum, nicht als Saatgut."

Monsanto gibt keine Interviews zum Thema, schaltet aber eine Zeitungsanzeige, in der das Unternehmen eine "vernünftige Rendite" für sein geistiges Eigentum fordert. Aber darüber, was "vernünftig" ist, gehen die Meinungen auseinander.

Für die meisten Argentinier kommt der Streit aus heiterem Himmel. Die großen Zeitungen und Fernsehkanäle haben ihren Sitz in Buenos Aires, und im Großraum der argentinischen Hauptstadt lebt fast die Hälfte der Bevölkerung. Sie dreht dem Landesinneren den Rücken zu - obwohl vom Agrobusineß die Wirtschaft abhängt. Die nationale Industrie hatte jahrelang die Forschung vernachlässigt und erst zu spät zur Kenntnis genommen, daß Monsantos in aller Welt gefeierter genmanipulierter Sojasamen RR die Pampa eroberte. RR steht für Round-up Ready - den Namen des Herbizids, das ebenfalls aus dem Hause Monsanto stammt, gegen das der Sojasamen resistent ist: Das Herbizid vernichtet das gesamte Unkraut, nur die Sojapflanzen nicht. Die nationalen Saatguthersteller konnten dieser Konkurrenz nichts entgegensetzen. Heute ist die argentinische Volkswirtschaft von einem ausländischen Unternehmen und von einer Saatgutsorte abhängig.

Die Öffentlichkeit nahm dies bislang kaum als Problem wahr. Und anfangs, in den neunziger Jahren, gab sich das multinationale Unternehmen kooperativ. Es meldete in Argentinien nicht einmal sein Patent formell an und bot den Samen zu einem relativ günstigen Preis an. Vermutlich wollte es das Land als Sprungbrett in den gesamten Kontinent benutzen. Und dafür mußte das Land erst einmal von Monsanto abhängig werden. Diese Rechnung ging auf. Zumindest teilweise: Heute arbeitet praktisch das gesamte argentinische Agrobusineß mit Gensoja.

Im argentinischen Agrarministerium bestreitet man nicht, daß im ganzen Land an den "weißen Börsen" ein illegaler und schwunghafter Handel mit dem Sojasamen RR betrieben wird. Nicht einmal 20 Prozent des Ackerlandes würden mit legalem, zertifiziertem Samen bepflanzt, so Monsanto. Das Unternehmen wirft der Regierung vor, diese "weißen Börsen" zu dulden. "Wir dulden den Handel nicht", widerspricht Russo, "aber meine Behörde war jahrelang lahmgelegt und hat erst seit einem Jahr eine Eigenständigkeit wiedererlangt."

Die Regierung beziehe keine klare Haltung, kritisiert Jorge Rulli von der Umweltschutzgruppe "Reflexionen zur Landwirtschaft". Einerseits will sie sich nicht mit der Lobby der Großbauern anlegen, die ihre Kosten niedrig halten und Nachbaugebühren verhindern will. Andererseits verfüge auch der multinationale Konzern über mächtige Fürsprecher. Der derzeitige Wirtschaftsminister und starke Mann in der Regierung - Roberto Lavagna - sei an der Consultingfirma Eco-Latina beteiligt, zu deren größten Kunden Monsanto gehöre, so der Umweltschützer.

Rulli fordert die Regierung zum Eingreifen in den Markt auf. Auf die Forschung müsse mehr Wert gelegt werden, der natürliche und umweltschonende Anbau notfalls auch mit Subventionen gefördert werden. Auf das Wort "Subventionen" reagiert man im Agrarministerium aber allergisch. "Wir verlangen von Europa ein Ende der Subventionspolitik", so Russo, "es wäre ein Widerspruch, wenn wir nunmehr im eigenen Land mit Subventionen beginnen würden." Noch ist nichts entschieden. Auf jeden Fall wird die nächste Runde im Machtkampf zwischen Argentiniens Großbauern, Regierung und dem Multi Monsanto spannend.


siehe auch:
GEN-Mais im Oderbruch
Monsantos Routine
Monsanto