Monsanto hat die Pampa erobert
Argentinien
von Gaby Weber
Buenos Aires - Seit Jahren sägt der US-Saatgutkonzern Monsanto am
argentinischen Patentrecht. In dem südamerikanischen Land dürfen - wie in den
Nachbarstaaten - Landwirte ihre Ernte aus genmanipuliertem Sojasamen umsonst
wieder für die eigene Aussaat verwenden. In Europa hingegen müssen die Bauern
jedes Jahr dafür "Nachbaugebühren" entrichten. Um dieses Bauernrecht zu Fall
zu bringen, führe Monsanto, so heißt es am Rio de la Plata, eine Kampagne
gegen Buenos Aires.
Zuerst drohte das Unternehmen, das Land zu verlassen. Damit wäre die Zukunft
des ganzen Gensoja-Anbaus in Gefahr gewesen, denn fast auf allen Sojafeldern
wird genmanipulierter Samen aus dem Hause Monsanto gesät. Das Unternehmen
besitzt heute ein Monopol, die meisten argentinischen Saatgutfirmen haben vor
Jahren Bankrott gemacht. Monsanto verließ das Land nicht, kündigte aber Ende
2004 an, künftig bei den europäischen Käufern die Abgaben zu kassieren, die
ihrer Meinung nach die südamerikanischen Landwirte zahlen müßten.
"Erpressung", kommentierte der argentinische Landwirtschaftsminister.
Inzwischen sitzen alle Beteiligten wieder an einem Tisch, und die Regierung
versucht, den Konflikt zu entschärfen.
José Russo, Präsident des Nationalen Saatgutinstituts, das dem
Landwirtschaftsministerium untersteht, hat einen Kompromiß vorgeschlagen,
einen "technologischen Kompensationsfonds", in den die Landwirte bis zu einem
Prozent ihres Umsatzes einzahlen, und aus diesem Fonds soll Monsanto bezahlt
werden. Niemand ist mit diesem Vorschlag glücklich. Für die Landwirte
bedeutet die neue Abgabe eine Verteuerung ihrer Produktion. Und Monsanto
fürchtet mehr Bürokratie.
Wie das Geld bei den europäischen und chinesischen Abnehmern eingetrieben
werden soll, hat Monsanto bisher nicht verraten. Vermutlich will das
Unternehmen bei den Exportfirmen im Hafen von Buenos Aires die Hand
aufhalten. Aber ob die freiwillig an ein privates Unternehmen zahlen, nur
weil die Käufer der Soja - in Europa - ein anderes Patentrecht haben? Die
Rechtslage ist ungeklärt, so Russo: "Wofür wollen die eigentlich kassieren?
Das manipulierte Gen im Saatkorn spielt nur bei der Aussaat eine Rolle, nicht
beim Wachstum. Wir exportieren Soja für den Konsum, nicht als Saatgut."
Monsanto gibt keine Interviews zum Thema, schaltet aber eine Zeitungsanzeige,
in der das Unternehmen eine "vernünftige Rendite" für sein geistiges Eigentum
fordert. Aber darüber, was "vernünftig" ist, gehen die Meinungen auseinander.
Für die meisten Argentinier kommt der Streit aus heiterem Himmel. Die großen
Zeitungen und Fernsehkanäle haben ihren Sitz in Buenos Aires, und im Großraum
der argentinischen Hauptstadt lebt fast die Hälfte der Bevölkerung. Sie dreht
dem Landesinneren den Rücken zu - obwohl vom Agrobusineß die Wirtschaft
abhängt. Die nationale Industrie hatte jahrelang die Forschung vernachlässigt
und erst zu spät zur Kenntnis genommen, daß Monsantos in aller Welt
gefeierter genmanipulierter Sojasamen RR die Pampa eroberte. RR steht für
Round-up Ready - den Namen des Herbizids, das ebenfalls aus dem Hause
Monsanto stammt, gegen das der Sojasamen resistent ist: Das Herbizid
vernichtet das gesamte Unkraut, nur die Sojapflanzen nicht. Die nationalen
Saatguthersteller konnten dieser Konkurrenz nichts entgegensetzen. Heute ist
die argentinische Volkswirtschaft von einem ausländischen Unternehmen und von
einer Saatgutsorte abhängig.
Die Öffentlichkeit nahm dies bislang kaum als Problem wahr. Und anfangs, in
den neunziger Jahren, gab sich das multinationale Unternehmen kooperativ. Es
meldete in Argentinien nicht einmal sein Patent formell an und bot den Samen
zu einem relativ günstigen Preis an. Vermutlich wollte es das Land als
Sprungbrett in den gesamten Kontinent benutzen. Und dafür mußte das Land erst
einmal von Monsanto abhängig werden. Diese Rechnung ging auf. Zumindest
teilweise: Heute arbeitet praktisch das gesamte argentinische Agrobusineß mit
Gensoja.
Im argentinischen Agrarministerium bestreitet man nicht, daß im ganzen Land an
den "weißen Börsen" ein illegaler und schwunghafter Handel mit dem Sojasamen
RR betrieben wird. Nicht einmal 20 Prozent des Ackerlandes würden mit
legalem, zertifiziertem Samen bepflanzt, so Monsanto. Das Unternehmen wirft
der Regierung vor, diese "weißen Börsen" zu dulden. "Wir dulden den Handel
nicht", widerspricht Russo, "aber meine Behörde war jahrelang lahmgelegt und
hat erst seit einem Jahr eine Eigenständigkeit wiedererlangt."
Die Regierung beziehe keine klare Haltung, kritisiert Jorge Rulli von der
Umweltschutzgruppe "Reflexionen zur Landwirtschaft". Einerseits will sie sich
nicht mit der Lobby der Großbauern anlegen, die ihre Kosten niedrig halten
und Nachbaugebühren verhindern will. Andererseits verfüge auch der
multinationale Konzern über mächtige Fürsprecher. Der derzeitige
Wirtschaftsminister und starke Mann in der Regierung - Roberto Lavagna - sei
an der Consultingfirma Eco-Latina beteiligt, zu deren größten Kunden Monsanto
gehöre, so der Umweltschützer.
Rulli fordert die Regierung zum Eingreifen in den Markt auf. Auf die Forschung
müsse mehr Wert gelegt werden, der natürliche und umweltschonende Anbau
notfalls auch mit Subventionen gefördert werden. Auf das Wort "Subventionen"
reagiert man im Agrarministerium aber allergisch. "Wir verlangen von Europa
ein Ende der Subventionspolitik", so Russo, "es wäre ein Widerspruch, wenn
wir nunmehr im eigenen Land mit Subventionen beginnen würden." Noch ist
nichts entschieden. Auf jeden Fall wird die nächste Runde im Machtkampf
zwischen Argentiniens Großbauern, Regierung und dem Multi Monsanto spannend.
siehe auch:
GEN-Mais im Oderbruch
Monsantos Routine
Monsanto
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