SPIEGEL ONLINE - 07. November 2003, 13:22
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Gen-Lebensmittel

"Gier hinter der Maske des Wohltäters"

Großversuche mit genmanipulierten Pflanzen haben in Großbritannien zu überraschend negativen Ergebnissen geführt. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE übt der frühere britische Umweltminister Michael Meacher scharfe Kritik am Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft.


SPIEGEL ONLINE:
Mister Meacher, Sie haben als Umweltminister 1999 die Großversuche mit genetisch modifizierten (GM) Pflanzen initiiert, deren Ergebnisse jetzt die Debatte über den Anbau genetisch modifizierter Pflanzen in aller Welt beeinflussen. Was wollten Sie eigentlich bei diesen Großversuchen herausfinden?


Meacher:
Wir wollten klären, welche Auswirkungen der Anbau von genetisch modifizierten Pflanzen auf die Artenvielfalt und auf die Umwelt hat. Nicht untersucht wurden die Auswirkungen auf Bodenbakterien und wie ein Bauer in der üblichen Situation des Wettbewerbs handeln würde. Und vor allem haben wir nicht untersucht, ob genetisch modifizierte Nahrungsmittel für die Gesundheit der Konsumenten unbedenklich sind.


SPIEGEL ONLINE:
Was waren die wichtigsten Ergebnisse, und waren Sie von ihnen überrascht?


Meacher:
Es wurden Raps, Zuckerrüben und Mais getestet, wobei jeweils eine Hälfte des Feldes mit konventionellen Pflanzen bebaut und konventionellen Pestiziden besprüht wurde, die andere mit GM-Pflanzen und den Pestiziden, gegen die sie resistent sind. Als die Wissenschaftler die Versuche entwickelten, erwarteten sie keine signifikanten Unterschiede.


SPIEGEL ONLINE:
Erwies sich diese Hypothese als zutreffend?


Meacher:
Nein. Die Unterschiede haben sich als beachtlich herausgestellt. Der modifizierte Raps und die Zuckerrüben wurden mit Breitbandmitteln bearbeitet, die alles niedermachen außer der modifizierten Pflanze. Die schädlichen Auswirkungen auf Würmer, Käfer, Schmetterlinge oder Vögel waren deutlich größer als auf den konventionellen Vergleichsfeldern.


SPIEGEL ONLINE:
Beim Mais dagegen erwies sich der genetisch modifizierte als umweltschonender. Sollte man jetzt nicht den Anbau von genetisch modifiziertem Mais genehmigen?


Meacher:
Moment mal. Zum einen wurde der konventionelle Mais mit dem Pestizid Atrazin besprüht, das inzwischen in der EU verboten ist. Zum anderen waren die Versuche praktisch in der Hand von Bayer, die den modifizierten Mais stellten und deren Mitarbeiter den Bauern rieten, sie sollten die Pflanzen nur einmal besprühen. Das gefiel den Bauern, weil es weniger kostete. Folgerichtig kamen die Unkräuter schnell wieder hoch, die den Tieren Nahrung bieten. Aber unter Marktbedingungen würde jeder Bauer natürlich nicht einmal, sondern zwei- oder dreimal sprühen. Und dann würde man die gleichen Ergebnisse bekommen wie bei den beiden anderen getesteten Pflanzen.


SPIEGEL ONLINE:
Also würden Sie auch den Anbau von genetisch modifiziertem Mais nicht empfehlen?


Meacher:
Das ist meine Schlussfolgerung.


SPIEGEL ONLINE:
In Deutschland fordern der Bauernverband, Wissenschaftler und die Industrie jetzt Großversuche, um herauszufinden, ob und wie eine Koexistenz zwischen GM-Landwirtschaft und konventioneller Landwirtschaft möglich ist. Macht das Sinn?


Meacher:
Koexistenz ist in jedem Fall das entscheidende Problem. Ich war vor drei Monaten in Kanada und habe dort gesehen, dass in der Prärie kein Bio-Raps mehr angebaut wird, weil die Aufkäufer den Bauern sagen: "Das Risiko, dass Dein Bio-Raps mit GM-Raps verunreinigt ist, ist mir schlicht zu groß." Und wenn die Trennung in den riesigen Räumen der Prärie nicht möglich ist, wie soll es dann auf unserer winzigen, dicht besiedelten Insel oder auf dem europäischen Kontinent, wo ein Bauernhof unmittelbar an den nächsten angrenzt, möglich sein? Meiner Meinung nach ist Koexistenz unmöglich.


SPIEGEL ONLINE:
Was wird die EU-Kommission bezüglich der Zulassung genmanipulierter Organismen und der Aufhebung des Moratoriums von acht EU-Staaten tun?


Meacher:
Sieben Länder, darunter Frankreich und Italien, nicht aber Großbritannien und Deutschland sagen, dass sie keine Anträge auf Zulassung genmanipulierter Pflanzen von Monsanto und anderen Firmen bearbeiten. Die Kommission könnte dagegen vorgehen, aber hat es bisher nicht getan. Die US-Regierung wiederum hat sich darüber dermaßen aufgeregt, dass sie die EU bei der Welthandelsorganisation verklagt hat.


SPIEGEL ONLINE:
Wird es zu einer Verurteilung der EU durch die WTO kommen?


Meacher:
Das ist schwer zu sagen, aber auf jeden Fall sind in dieser Situation die Ergebnisse der britischen Großversuche ein Geschenk für die acht Moratoriumsstaaten, denn sie liefern den wissenschaftliche Beweis: Genmodifizierte Pflanzen sind ein Risiko für die Umwelt.


SPIEGEL ONLINE:
Das wichtigste Argument der US-Regierung und der Vertreter der GM-Firmen ist inzwischen, dass sich mit genmanipulierten Pflanzen der Hunger in der Dritten Welt besiegen ließe. Stimmt das?


Meacher:
Das ist ein absolut lächerliches Argument. Die wichtigsten Ursachen dafür, dass schätzungsweise 800 Millionen Menschen täglich hungrig zu Bett gehen, sind der ungerechte Welthandel, unfähige und korrupte Regierungen in der Dritten Welt sowie eine schlechte Verteilung des Landes. Wenn wir wirklich etwas dagegen unternehmen würden, gut! Aber zu glauben, dass sich mit GM-Pflanzen der Hunger besiegen ließe ist lächerlich. Es ist empörend, dass Monsanto seine bösartige kommerzielle Gier jetzt hinter der Maske des Wohltäters verstecken will. Der Welthunger ist denen doch vollkommen egal, sie wollen nur ihre Produkte in der Dritten Welt verkaufen.


SPIEGEL ONLINE:
Die britische Regierung hat eine große öffentliche Debatte über Gentechnik initiiert. Wie erklären Sie es, dass die überwältigende Mehrheit der Briten, aber auch die Vertreter des Lebensmittelshandels die Einführung von genmanipulierten Pflanzen resolut ablehnen?


Meacher:
Die Briten haben mehr als andere Europäer unter Lebensmittelskandalen gelitten. Als es um den Rinderwahn ging, haben die Regierung und die sie beratenden Wissenschaftler über Jahre abgestritten, dass beschädigte Prionen von Rindern auf Menschen übergehen könnten - und das war schlicht falsch.


SPIEGEL ONLINE:
Es herrscht demnach ein tiefes Misstrauen.


Meacher:
Die Menschen misstrauen den Wissenschaftlern, aber noch mehr den Politikern. Außerdem hassen sie Monsanto und George W. Bush und haben den Eindruck, dass die Amerikaner dem Rest der Welt den Anbau von genmanipulierten Pflanzen aufoktroyieren wollen.


SPIEGEL ONLINE:
Der derzeitige Tenor in der GM-Debatte ist, dass der Anbau genmodifizierter Pflanzen wohl Risiken für die Umwelt birgt, ihr Verzehr aber unbedenklich ist.


Meacher:
Anfänglich glaubte die britische Regierung, dass es auch keine Risiken für die Umwelt gäbe. Die Großversuche haben gezeigt, dass das falsch ist. Ich vermute deshalb, dass die Regierung bei Versuchen zu möglichen Gesundheitsschäden erneut ein paar Schocks erleben könnte. Ich sage nicht, dass GM-Nahrungsmittel gefährlich sind, ich sage, wir wissen es nicht. Niemand weiß das, bevor wir nicht systematische Versuche angestellt haben.


SPIEGEL ONLINE:
Gibt es keinerlei Untersuchungen dazu?


Meacher:
Es gab eine einzige Untersuchung an der Newcastle University im vergangenen Jahr, bei der Testpersonen eine Mahlzeit aus GM-Soja gegeben wurde. Dabei stellte sich heraus, dass die Soja-DNS auf Darmbakterien übertrug. Das ist deshalb bedenklich, weil es dabei auch zur Übertragung von Antibiotika-Resistenzen kommen kann.


SPIEGEL ONLINE:
Sie waren unlängst in Kanada und Neuseeland. Dort wird die Debatte über Gentechnik anders geführt als im "Alten Europa".


Meacher:
Wenn man sich die weltweite Produktion von GM ansieht, haben die USA 66 Prozent, Argentinien 23, Kanada 6 und China 4 Prozent. In diesen Ländern wurde und wird einfach angenommen, dass das alles sicher ist. Aber das ist eine bislang wissenschaftlich nicht ausreichend untersuchte Vermutung. Deshalb haben wir Europäer das Recht und die Pflicht, sie in Frage zu stellen und den Anbau von genmodifizierten Pflanzen nicht zu genehmigen, bevor wir mehr wissen.

Das Interview führte Michael Sontheimer

Michael Meacher, 64, ist seit 1970 Abgeordneter der Labour Party im Unterhaus und diente bereits in der Regierung von Premierminister Harold Wilson in den siebziger Jahren als Staatssekretär. Von Mai 1997 bis Juni 2003 gehörte er der Regierung Tony Blairs als Staatsminister für Umwelt an.

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