Risiken sind noch unerforscht
Interview mit Terje Traavik, Leiter des norwegischen Instituts für
Gen-Ökologie
Risikoforschung ist das Waisenkind der Wissenschaft, meint Terje Traavik. An
seinem Institut für Gen-Ökologie im norwegischen Tromsø erforscht er mit
einem Team von Wissenschaftlern die Auswirkungen von genveränderten
Nahrungsmitteln auf die Gesundheit von Menschen und Tieren. Die Folgen seien
noch unabsehbar: "Bis jetzt gibt es nur viele Fragen, aber keine Antworten",
sagt der Wissenschaftler und fordert mehr "unabhängige" Forschungsgelder.
Das Parlament: Sie forschen am Institut für Gen-Ökologie. Was soll man sich
als Laie unter Gen-Ökologie vorstellen?
Terje Traavik: Gen-Ökologie ist ein neuer Begriff. Wir versuchen in
unserem Institut wissenschaftlich fachübergreifend zu forschen und ein
ganzheitliches Wissen zu liefern, das auf dem Vorsorgeprinzip basiert. Sie
finden bei uns Wissenschaftler aller Richtungen - vom Mikrobiologen über den
Sozialwissenschaftler bis zum Ethiker und Theologen. Wir machen
Umweltrisikoanalysen im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Organismen,
wobei sich die Umweltanalysen einmal auf das Ökosystem des gesamten Planeten
beziehen, aber auch auf das Ökosystem im Kleinen, das wir in
Säugetierorganismen vorfinden. Dieser vernetzte, ganzheitliche Ansatz
bedeutet, dass wir auch die indirekten Gefahren für die öffentliche
Gesundheit untersuchen, die sich durch soziale, kulturelle, ethische,
wissenschaftliche und rechtliche Themen ergeben. Wir sind sehr darum bemüht,
jedem verständlich zu machen, dass genetische Verschmutzung etwas komplett
anderes ist als die chemische Verschmutzung, die wir dank unserer Dummheit in
den vergangenen 50 Jahren verbreitet haben. Denn Chemikalien können sich
nicht selbst vermehren. Sogar eine riesige Chemieverschmutzung wird mit der
Zeit kleiner. Bei der Gentechnik verläuft es genau umgekehrt. Da sich die DNS
grundsätzlich selbst vermehren kann, ist es theoretisch möglich, dass eine
kleine Verschmutzung schließlich in einer riesigen Verschmutzung enden
könnte.
Das Parlament: Machen Sie sich als Wissenschaftler Sorgen um die Sicherheit
unserer gentechnisch veränderten Nahrung?
Terje Traavik: Um das herauszufinden, machen wir Tierversuche, bei denen
Ratten mit gentechnisch veränderter Nahrung gefüttert werden. Der Hintergrund
dieser Versuche ist, dass Menschen und Haustiere bereits an vielen Orten
dieser Welt Lebensmittel oder Futter zu sich nehmen, das aus gentechnisch
veränderten Pflanzen und Tieren hergestellt wird. Wir haben keine Ahnung, was
dies für die Organismen für Folgen hat. Bis jetzt gibt es nur viele Fragen,
aber keine Antworten.
Das Parlament: Werden denn transgene DNS und Proteine im Magen-Darm-Trakt
von Säugetieren aufgenommen?
Terje Traavik: Es wird gemeinhin behauptet, dass sie wirksam abgebaut
werden. Dies basiert auf Annahmen, die nie systematisch untersucht wurden.
Eine begrenzte Anzahl aktueller Veröffentlichungen zeigt, dass fremde DNS und
auch Proteine im Magen-Darm-Trakt doch nicht abgebaut werden, sondern von den
Eingeweiden aufgenommen und im Blut in biologisch bedeutsamen Konstrukten zu
inneren Organen transportiert werden. DNS kann in Fäkalien entdeckt werden,
in der Darmwand, an der Außenseite von weißen Blutzellen, in Leber, Milz und
Nieren, und die fremde DNS kann integriert im Genom des Empfängers gefunden
werden. Werden schwangere Tiere mit fremder DNS gefüttert, können Teile davon
in kleinen Zellanhäufungen in Föten und Neugeborenen festgestellt werden. Die
Folgen des Fortbestehens der DNS und ihrer Aufnahme stellen also einen
wichtigen Bereich von bisher "ausgelassener" Forschung dar.
Das Parlament: Mais wird beispielsweise mit einem Bazillus Thurengiensis
(BT) so genetisch verändert, dass die Pflanze selbst BT-Gifte erzeugt, um
Schädlinge zu töten. Wird die Pflanze, die wir später essen, selbst zu einem
Pestizid?
Terje Traavik: Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass die BT-Gifte,
die in gentechnisch veränderten Pflanzen entstehen, nie aufmerksam analysiert
wurden. Dementsprechend sind ihre Eigenschaften und Wirkungen nicht bekannt.
Die BT-Gifte haben einige potenziell unerwünschte biologische Eigenschaften.
Außerdem erreicht das BT-Gift nicht nur die Schädlinge, sondern auch viele
weitere Kleinstlebewesen auf dem Feld. In den vergangenen Jahren sind einige
Beobachtungen in der Literatur aufgetaucht, die als Warnung vor potenziellen
Gesundheits- und Umweltrisiken verstanden werden können. Den meisten jedoch
folgten keine ausgedehnten Studien.
Das Parlament: Welche Auswirkungen haben gentechnisch veränderte Pflanzen
mit Glyphosat-Toleranz, zum Beispiel "Roundup-Ready"- Raps oder -Soja?
Terje Traavik: Diese gentechnisch veränderten Pflanzen haben eine
eingebaute transgene Kodierung für ein Enzym, das das Herbizid Glyphosat
abbaut. Die dahinterliegende Idee ist natürlich die gemeinsame Nutzung von
Genpflanze und dazugehörigem Herbizid. Aktuelle Studien deuten darauf hin,
dass in einigen Fällen solche Genpflanzen mit einem höheren Verbrauch von
Glyphosat verbunden sind als ihre herkömmlichen Pendants. Sehr wenige
Versuchsstudien wurden den Gesundheits- und Umweltrisiken von gentechnisch
veränderten Pflanzen gewidmet oder dem Herbizid selbst. Einige davon können
als Warnung vor potenziellen Gesundheits- und Umweltrisiken betrachtet
werden, und ihnen sollte schnellstens nachgegangen werden, um die Ergebnisse
zu bestätigen und auszubauen.
Das Parlament: Wie geht es weiter?
Terje Traavik: Nun, es gibt viele weitere Gefahren außer den angesprochen
Risiken. Zu diesen zählt das Problem des horizontalen Gentransfers (HGT), die
neue Generation von multigenen Genorganismen für pharmazeutische und
industrielle Zwecke, Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit Genimpfungen und
der Vorstoß der Nanobiotechnologie. Weiterhin gibt es die bisher nicht
gestellten Fragen, und wir haben das Problem, ob die verfügbaren Methoden und
behördlichen Rahmenbedingungen die erzeugten Gefahren erfassen und bewältigen
können, wenn sie Realität werden. Wir als Bürger und Experten müssen
zusammenstehen, um die gegenwärtige Situation umzukehren. Wir brauchen
unabhängige Forschungsgelder. Das wäre die wirksamste Methode, um die
Vereinnahmung der Wissenschaft durch Konzerne zu beenden.
Das Interview führte Bertram Verhaag. Bertram Verhaag ist freier Filmregisseur,
Geschäftsführer der DENKmal-Film GmbH in München und Autor des international
vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilms "Das Leben außer Kontrolle".
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