Standort Hohenstein
 

moz.de - 09.08.2005

Die Ruhe nach dem Sturm

Strausberg (MOZ) Eine Woche nach dem von der Initiative Gendreck weg ausgerufenen gentechnikfreien Wochenende und der "Freiwilligen Feldbefreiung" in Hohenstein beherrschen neue Themen den deutschen Blätterwald. Im Strausberger Ortsteil Hohenstein und Ruhlsdorf sind die Plakate und gelben Luftballons der "Feldbefreier" verschwunden. Doch auf zehn Hektar bei Gladowshöhe wächst - mit einigen Lücken - weiter gentechnisch veränderter Mais. Kirsten und Jürgen Ewald wünschen sich mehr inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Thema. Jörg Piprek beharrt auf seinem Recht.

Für einige Tage war die Bioland-Wirtschaft von Kirsten und Jürgen Ewald im Blickpunkt des Medieninteresses. Hunderte Gentechnik-Gegner aus allen Bundesländern und dem benachbarten Ausland hatten die Adresse zu ihrem Treffpunkt erkoren, weil die Hohensteiner Landfarm GmbH in unmittelbarer Nachbarschaft der Ökobauern den gentechnisch veränderten Mais der Firma Monsanto anbaut. Und Ewalds hatten ihren Hof gern für die Podiumsdiskussion bereitgestellt, ebenso ihr Feld für die Kundgebung am Sonntag vergangener Woche, weil sie im Anliegen der Veranstalter ihr existenzielles Interesse erkennen.

Die gezielte Provokation der Initiative Gendreck weg und des Barnimer Aktionsbündnisses gegen Gentechnik hat ihren Zweck erreicht: Nach der angekündigten Straftat der Zerstörung eines Maisfeldes und der damit erzwungenen Gegenreaktion der Polizei ist der Widerstand gegen grüne Gentechnik in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Für einige Tage zumindest, bis neue Themen es von den ersten und bald auch hinteren Seiten der Zeitungen verdrängten.

"Wir waren ein bisschen erschrocken über die Bilder", sagt Kirsten Ewald eine Woche später nachdenklich. Polizisten tragen eine Demonstrantin aus dem Maisfeld. Berittene Polizei, Hundeführer im Mais waren zu sehen. Festnahmen und sogar Tritte gegen den Polizeiführer wurden gemeldet. "Die inhaltliche Auseinandersetzung trat in den Hintergrund, unsere Sorge um den natürlichen Kreislauf, um das Nachwachsen gesunder landwirtschaftlicher Produkte für die nächsten Generationen, wurde von den Bildern verdrängt", kritisiert Jürgen Ewald. Regelrecht wütend machen ihn aber Meinungen, dass die Gentechnik-Gegner Chaoten und schlimmeres seien, dass ihre angekündigte Aktion zivilen Ungehorsams von Leuten beschimpft worden sei, die gar nicht dabei waren: "Das waren so friedliche und freundliche Leute, denen wird Unrecht getan. Es gab keinen Alkohol an diesem Wochenende, niemand hat sich vermummt, sie haben das Gespräch gesucht."

Wenn die Gentechnik-Gegner ihr Ziel der öffentlichen Aufmerksamkeit und der Sensibilisierung der Verbraucher für das Thema erreicht haben, so ganz gewiss nicht das Ziel, Anwender von Gentechnik wie den Geschäftsführer der Landfarm GmbH Hohenstein, Jörg Piprek, zum Umdenken zu bewegen. Er sagt eine Woche nach dem gentechnikfreien Wochenende trotzig: "Vielleicht baue ich im nächsten Jahr noch mehr an, das hängt vom Erfolg ab." An eine Abkehr von der Gentechnik nach den Versuchen, ihn umzustimmen, denkt Jörg Piprek nicht, auch wenn er sich zumindest in einem mit Ewalds einig ist: "Der Aufwand der Polizei war mir viel zu groß." Es sei traurig, dass so viel Polizei aufgefahren werden musste, weil Demonstranten unbedingt Zerstörungen anrichten wollten. Die 600 Quadratmeter, die die Initiative Gendreck weg als zerstört feierte, seien nicht an jenem Wochenende, sondern schon vorher geschädigt worden. Er beziffert den tatsächlich aktuell angerichteten Schaden auf 50 Quadratmeter.

Jörg Piprek wünscht sich auch mehr sachliche Auseinandersetzung mit der Gentechnik. Droh-Anrufe und Beschimpfungen, die nicht nur ihn, sondern auch seinen Sohn erreichten, seien dazu nicht geeignet. Ein dreiseitiges Memorandum der Union der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Kommission Grüne Gentechnik, erreichte ihn am Wochenende und bestärkt ihn hingegen in seinem Vorgehen. Piprek hat die Wirkung der Gentechnologie in den vergangenen Jahren in Neutrebbin mit verfolgt. Dort sei der Rückgang der Verluste offensichtlich. Er habe im vergangenen Jahr 30 Prozent der Maisernte an den Zünsler verloren. Die Biologische Bundesanstalt lässt in einem Versuch seit Mai das Leben der Insekten und Spinnen im Landfarm-Maisfeld beobachten: Schädigt das Protein tatsächlich nur die Raupe des Maiszünslers oder nicht doch auch andere Insekten, ist die Frage.

Kirsten und Jürgen Ewald sind vor fünf Wochen Großeltern geworden: "Können wir unserer Enkelin in ein paar Jahren noch Marienkäfer im Garten zeigen, oder brauchen wir dann ein Bilderbuch?"


Wie wirkt die Genveränderung?

Der Maiszünsler ist ein unscheinbarer grauer Schmetterling, der in unseren Breiten nicht heimisch ist und nur im Gefolge von Maisanbau auftritt.

Er sticht die Maispflanze an und legt seine Eier in das Innere.

Die schlüpfenden Raupen fressen sich im Stängel der Maispflanze nach unten und oben, manchmal bis in den Kolben.

Der Stängel knickt, besonders bei Wind, in unterschiedlicher Höhe ab.

Oft liegt die Knickstelle so tief, dass der Mais nicht mit dem Mähdrescher zu ernten ist und damit der Ertrag gleich null ist.

Die gentechnisch veränderte Maispflanze enthält ein Protein, das auch sonst in der Natur vorkommt.

Wenn die Raupe das Pro­tein gefressen hat, kristallisiert es in ihrem Verdauungstrakt und tötet die Raupe.

Das Protein soll nicht Marienkäfer und Florfliegen schädigen, die natürlichen Feinde der Blattlaus.