Die Ruhe nach dem Sturm
Strausberg (MOZ) Eine Woche nach dem von der Initiative Gendreck weg
ausgerufenen gentechnikfreien Wochenende und der "Freiwilligen Feldbefreiung"
in Hohenstein beherrschen neue Themen den deutschen Blätterwald. Im
Strausberger Ortsteil Hohenstein und Ruhlsdorf sind die Plakate und gelben
Luftballons der "Feldbefreier" verschwunden. Doch auf zehn Hektar bei
Gladowshöhe wächst - mit einigen Lücken - weiter gentechnisch veränderter
Mais. Kirsten und Jürgen Ewald wünschen sich mehr inhaltliche
Auseinandersetzung mit diesem Thema. Jörg Piprek beharrt auf seinem Recht.
Für einige Tage war die Bioland-Wirtschaft von Kirsten und Jürgen Ewald im
Blickpunkt des Medieninteresses. Hunderte Gentechnik-Gegner aus allen
Bundesländern und dem benachbarten Ausland hatten die Adresse zu ihrem
Treffpunkt erkoren, weil die Hohensteiner Landfarm GmbH in unmittelbarer
Nachbarschaft der Ökobauern den gentechnisch veränderten Mais der Firma
Monsanto anbaut. Und Ewalds hatten ihren Hof gern für die Podiumsdiskussion
bereitgestellt, ebenso ihr Feld für die Kundgebung am Sonntag vergangener
Woche, weil sie im Anliegen der Veranstalter ihr existenzielles Interesse
erkennen.
Die gezielte Provokation der Initiative Gendreck weg und des Barnimer
Aktionsbündnisses gegen Gentechnik hat ihren Zweck erreicht: Nach der
angekündigten Straftat der Zerstörung eines Maisfeldes und der damit
erzwungenen Gegenreaktion der Polizei ist der Widerstand gegen grüne
Gentechnik in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Für einige Tage zumindest,
bis neue Themen es von den ersten und bald auch hinteren Seiten der Zeitungen
verdrängten.
"Wir waren ein bisschen erschrocken über die Bilder", sagt Kirsten Ewald eine
Woche später nachdenklich. Polizisten tragen eine Demonstrantin aus dem
Maisfeld. Berittene Polizei, Hundeführer im Mais waren zu sehen. Festnahmen
und sogar Tritte gegen den Polizeiführer wurden gemeldet. "Die inhaltliche
Auseinandersetzung trat in den Hintergrund, unsere Sorge um den natürlichen
Kreislauf, um das Nachwachsen gesunder landwirtschaftlicher Produkte für die
nächsten Generationen, wurde von den Bildern verdrängt", kritisiert Jürgen
Ewald. Regelrecht wütend machen ihn aber Meinungen, dass die
Gentechnik-Gegner Chaoten und schlimmeres seien, dass ihre angekündigte
Aktion zivilen Ungehorsams von Leuten beschimpft worden sei, die gar nicht
dabei waren: "Das waren so friedliche und freundliche Leute, denen wird
Unrecht getan. Es gab keinen Alkohol an diesem Wochenende, niemand hat sich
vermummt, sie haben das Gespräch gesucht."
Wenn die Gentechnik-Gegner ihr Ziel der öffentlichen Aufmerksamkeit und der
Sensibilisierung der Verbraucher für das Thema erreicht haben, so ganz gewiss
nicht das Ziel, Anwender von Gentechnik wie den Geschäftsführer der Landfarm
GmbH Hohenstein, Jörg Piprek, zum Umdenken zu bewegen. Er sagt eine Woche
nach dem gentechnikfreien Wochenende trotzig: "Vielleicht baue ich im
nächsten Jahr noch mehr an, das hängt vom Erfolg ab." An eine Abkehr von der
Gentechnik nach den Versuchen, ihn umzustimmen, denkt Jörg Piprek nicht, auch
wenn er sich zumindest in einem mit Ewalds einig ist: "Der Aufwand der
Polizei war mir viel zu groß." Es sei traurig, dass so viel Polizei
aufgefahren werden musste, weil Demonstranten unbedingt Zerstörungen
anrichten wollten. Die 600 Quadratmeter, die die Initiative Gendreck weg als
zerstört feierte, seien nicht an jenem Wochenende, sondern schon vorher
geschädigt worden. Er beziffert den tatsächlich aktuell angerichteten Schaden
auf 50 Quadratmeter.
Jörg Piprek wünscht sich auch mehr sachliche Auseinandersetzung mit der
Gentechnik. Droh-Anrufe und Beschimpfungen, die nicht nur ihn, sondern auch
seinen Sohn erreichten, seien dazu nicht geeignet. Ein dreiseitiges
Memorandum der Union der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Kommission
Grüne Gentechnik, erreichte ihn am Wochenende und bestärkt ihn hingegen in
seinem Vorgehen. Piprek hat die Wirkung der Gentechnologie in den vergangenen
Jahren in Neutrebbin mit verfolgt. Dort sei der Rückgang der Verluste
offensichtlich. Er habe im vergangenen Jahr 30 Prozent der Maisernte an den
Zünsler verloren. Die Biologische Bundesanstalt lässt in einem Versuch seit
Mai das Leben der Insekten und Spinnen im Landfarm-Maisfeld beobachten:
Schädigt das Protein tatsächlich nur die Raupe des Maiszünslers oder nicht
doch auch andere Insekten, ist die Frage.
Kirsten und Jürgen Ewald sind vor fünf Wochen Großeltern geworden: "Können wir
unserer Enkelin in ein paar Jahren noch Marienkäfer im Garten zeigen, oder
brauchen wir dann ein Bilderbuch?"
Wie wirkt die Genveränderung?
Der Maiszünsler ist ein unscheinbarer grauer Schmetterling, der in unseren
Breiten nicht heimisch ist und nur im Gefolge von Maisanbau auftritt.
Er sticht die Maispflanze an und legt seine Eier in das Innere.
Die schlüpfenden Raupen fressen sich im Stängel der Maispflanze nach unten und
oben, manchmal bis in den Kolben.
Der Stängel knickt, besonders bei Wind, in unterschiedlicher Höhe ab.
Oft liegt die Knickstelle so tief, dass der Mais nicht mit dem Mähdrescher zu
ernten ist und damit der Ertrag gleich null ist.
Die gentechnisch veränderte Maispflanze enthält ein Protein, das auch sonst in
der Natur vorkommt.
Wenn die Raupe das Protein gefressen hat, kristallisiert es in ihrem
Verdauungstrakt und tötet die Raupe.
Das Protein soll nicht Marienkäfer und Florfliegen schädigen, die natürlichen
Feinde der Blattlaus.
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