http://www.taz.de/pt/2005/05/04/a0137.nf/text (nicht mehr aktuell)
Ein Gen-Monster über Brandenburg
Greenpeace protestiert in Deutschlands Anbauregion Numero 1 für Gen-Mais gegen die drohende Verwässerung der Meldepflicht. Schon heute lässt sich nur mit Tricks herausfinden, wer hinter den meisten Gen-Äckern steckt: Monsanto AUS ALTLANGSOW NICK REIMER
Sie sehen: erst mal nichts. Von einem graubraunen Acker abgesehen, auf
dessen Krumen allenfalls Ansätze der Saat erkennbar sind. Trotzdem ist hier
totale Bambule: Gelb beschürzte Greenpeace-Menschen rollen einen riesigen
Drachen aus, schlagen Warnschilder rings um den Rain: "Vorsicht Genmais".
"Wir wollen ein Zeichen setzen", sagt Elvira Burster, eine
Grundschullehrerin, die extra aus Freiburg an die Grenze zu Polen gekommen
ist. Woher aber weiß man eigentlich, dass die unscheinbaren Triebe
gentechnisch verändert sind? "Das neue Gentechnik-Gesetz gibt Auskunft",
sagt Martin Hofstedter. Der Agrarwissenschaftler von der Uni Kassel wurde
von Greenpeace als Experte geladen. Im ersten - bereits gültigen - Teil des
Gesetzes ist eine Meldepflicht festgeschrieben. "Wer gentechnisch
veränderte Saat ausbringen will, muss das drei Monate zuvor anmelden und
die Flurstücke benennen", so Hofstedter. Das Bundesagrarministerium
veröffentlicht sie.
Ergebnis: in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen meldeten
Landwirte Gen-Aussaat auf bis zu 100 Hektar an, in Mecklenburg, Sachsen und
Sachsen-Anhalt wurden bis zu 500 Hektar ausgewiesen. In Brandenburg -
speziell Ostbrandenburg - wurde deutlich mehr angemeldet. Der Rest der
Republik ist Gentech-frei.
Wieso ausgerechnet Ostbrandenburg? "Um das beantworten zu können, braucht
man eine Auskunft des Katasteramtes beim Landkreis", sagt Hofstedter. Das
Ministerium veröffentlicht nämlich nur, wo ausgesät wird, nicht aber von
wem. Dummerweise sind beim Katasteramt nur Rechtsanwälte, Notare und
Betroffene - also Anwohner - auskunftsberechtigt. Henning Strodthoff von
Greenpeace verrät nicht, mit welchem Trick er an die Information kam. Das
aber schon: "Die Anmelderin ist Geschäftsführerin eines Agrarbetriebes in
Seelow, ihr Mann der deutsche Produktmanager für Genmais bei Monsanto."
Sogar gegenüber der Kirche soll in Altlangsow Genmais angebaut werden - auf
dem Friedhof. Strodthoff: "Dieser Antrag ist natürlich Unsinn. Aber ein
gefährlicher Unsinn: Die Monsanto-Leute melden jede für sie verfügbare
Fläche an, um nachzuweisen, dass Genmais akzeptiert wird und Aufwind
bekommt."
Aufwind bekommt jetzt jedenfalls der Greenpeace-Drachen, der ein 16 mal 8
Meter großes Plakat in den Himmel zieht: Die Fratze des Mais leuchtet in
der Sonne. Elvira Burster ist damit zufrieden. "Zehn Gentechnikbefürworter
sind für 85 Prozent der Gen-Äcker verantwortlich. 80 Millionen Deutsche
wollen das Zeug aber nicht." Immerhin gibt es Gründe für die Bauern,
Genmais anzubauen: Zum Beispiel den Maiszünsler, der diesen nicht
verträgt. Das Insekt hat hier im Oderbruch im letzten Jahr große Schäden
angerichtet. Die Union lehnt deshalb den 2. Teil des Gentechnik-Gesetzes im
Bundesrat ab. Strodthoff: "Ihr Ziel: Die Meldepflicht deutlich
aufzuweichen." Experte Hofstedter hält das für kurzsichtig: "Im Süden von
Seelow hat ein Biobauer so lange mit seinem konventionellen Nachbarkollegen
diskutiert, bis der auf seine Gen-Pläne verzichtete."
Sein Argument: Regressforderungen. "Werden die Meldevorschriften
verwässert, sind derart gütliche Einigungen natürlich nicht mehr
möglich. Man weiß ja nicht mehr, mit wem man reden muss." Dann, so
Hofstedter, müsste man wieder mit dem Teströhrchen durch die Gegend
laufen. Enthält der Mais ein gewisses Eiweiß, steigt der Teststreifen bis
zum zweiten Strich. Bedeutet: Genmais.
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