Die trojanische Kuh
Biogas und Gentechnik-Pflanzen in greifbarer Nähe
aus der "Ortszeit" (pdf 670kb), August 2006, von Imma Harms
Nachwachsende Rohstoffe könnten das Geschäft der Zukunft für Landwirte sein,
schätzt der brandenburgische Agrarminister Dietmar Woidke und legte in der
vergangenen Woche einen "Biomasseaktionsplan" vor.
In der unmittelbaren Umgebung von Reichenow sind mehrere Biogasanlagen kurz
vor Baubeginn oder in der Planungs- und Genehmigungsphase, z.B. in Prötzel,
in Prädikow, in Möglin und in Schulzendorf. Weitere Anlagen entstehen im
Oderbruch.
"Eine Biogasanlage ist im Prinzip ein Kuhmagen", erklärt Biogasanlagenbauer
Arno Schulz aus Strausberg. Sie "verdaut" das eingefüllte Getreide bzw. die
Gülle mithilfe von zugefügten Fermenten, erzeugt dabei Methangas und scheidet
Kompost aus. Das Gas kann gereinigt und direkt in die Erdgasnetze eingespeist
werden. Im allgemeinen wird es jedoch zur Erzeugung elektrischer Energie
genutzt, die zum gesetzlich festgelegten Preis von 16 bis 20 Cent von den
Energiekonzernen abgekauft wird. Die dabei entstehende Wärmeenergie kann zum
Heizen genutzt werden, wenn es dafür Abnehmer in erreichbarer Nähe gibt. Eine
Biogas-Kuh ist gefräßig: Um ein Megawatt Energie zu produzieren, braucht sie
Mais von 300 Hektar (ha) Land.
Am vergangenen Sonntagvormittag stürmte ein Gruppe von ca. 150 Menschen über
die Stoppelfelder bei Badingen, Kreis Zehdenick. Kurz bevor sie auf das
angrenzende Maisfeld stieß, teilte sich der Zug in mehrere kleinere Gruppen.
Während einige auf die Polizeibeamten zugingen, die sich ihnen in den Weg
stellten, strebten die anderen an den Sicherheitskräften vorbei und
verschwanden im Maisfeld. Dort versuchten sie, Sachschaden anzurichten, bis
sie von berittenen Polizeikräften, Hunden und einem über ihnen kreisenden
Hubschrauber aufgespürt, festgenommen und abgeführt wurden. Die Aktivisten
bewegen sich mit ihrer Aktion außerhalb der Legalität, fühlen sich aber
dennoch im Recht, weil sie aus "Notwehr" gegen die Verbreitung von genetisch
veränderten Pflanzen handeln.
Bauer Jörg Eickmann ist Ortsbürgermeister von Badingen und einer der
Landwirte, die sich von Monsanto und Märka dazu haben bewegen lassen,
gentechnisch veränderten (gv) Mais auf ihren Feldern anzubauen. Auf 48 ha
wächst hier der sogenannte BT-Mais. In das Erbgut dieser Saat ist ein Gen des
Bodenbakteriums "bacillus thuringiensis" eingeschleust, das in seinen Zellen
ein Gift gegen Insekten, besonders gegen den gefürchteten Maiszünsler
produziert. Laut Befürwortern der genetischen Veränderung kann damit ein
Ernteverlust durch den Maiszünsler von bis zu 20% verhindert werden. Nach
Informationen von gv-Gegnern wie Greenpeace ist die genetisch erzeugte
Substanz jedoch keineswegs harmlos: durch die Wurzeln gelangt das Gift in den
Boden und lässt sich noch Monate später dort nachweisen. Außerdem rechnen
selbst die herstellenden Konzerne damit, dass der Zünsler früher oder später
gegen das gentechnisch erzeugte Gift resistent wird. Forschungsergebnisse,
die darüber Aufschluss geben könnten, rücken die Firmen nicht heraus.
Bauer Grün aus Klein-Mutz, einem Nachbarort von Badingen, steht mit seiner
Familie am Feldrand. Erregt diskutiert er mit den "Gendreck-weg"-Aktivisten.
Er baut selbst auf 200 ha Mais an und kennt das Problem mit dem Maiszünsler.
Man kann ihn in Schach halten, sagt Grün, wenn man den Boden richtig
umpflügt, und nicht nur grubbert. Es ist einfach ein Kostenfaktor. Scheiben
und Grubbern kostet 20 €, das Pflügen 70 € pro Hektar.
Umstrittene neue Technologien werden dort eingeführt, wo ihre Gefahren weniger
offensichtlich sind und durch deutliche ökonomische oder auch humanitäre
Vorteile gerechtfertigt scheinen. Genetisch manipuliertes Saatgut zum
Beispiel scheint dort leichtes Spiel zu haben, wo die Einkommen gering und
die Menschen unaufgeklärt und an großindustrielle Landwirtschaft gewöhnt
sind. 97,5% der Anbauflächen mit gv-Mais liegen in den östlichen
Bundesländern, fast die Hälfte allein in Brandenburg; dort wiederum liegt der
Anbau-Schwerpunkt deutlich im Oderbruch und den angrenzenden Regionen.
Aber die Menschen im Oderbruch eignen sich nicht zu Testkaninchen; der
Widerstand gegen genmanipulierte Pflanzen und Produkte wächst. Über die
Hälfte der für gv-Maisanbau angemeldeten Felder in Brandenburg wurden
inzwischen zurückgezogen. 150 Landwirte, die 100.000 ha bewirtschaften, haben
sich zum gentechnikfreien Anbau verpflichtet. Gleichzeitig wächst der Anteil
an ausgewiesenem ökologischen Landbau. Er liegt in Brandenburg mit 10% der
Landwirtschaftsfläche bundesweit an der Spitze. Kein Wunder, dass die
Gentechnik-Lobby in Badingen regelrechte Diskutier-Bataillone aus
FDP-Mitgliedern und "Feld-Paten" eingesetzt hatte.
Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung ist Aufgabe der Monsanto-Vertreter,
deren Visitenkarte die gv-Mais anbauenden Landwirte stets griffbereit haben.
Monsanto hält 90% des Weltmarktanteils an genetisch verändertem Saatgut; das
US-Unternehmen kauft sich weltweit in Saatgutfirmen ein und scheint auch hier
in Brandenburg einen Brückenkopf schaffen zu wollen. Die Firma Märka aus
Eberswalde, Ost-Deutschlands größter Saatgut- und Futtermittelkonzern, ist
der deutsche Vertragspartner von Monsanto. Märka hat ein Vermarktungskonzept
für gv-Mais ausgearbeitet, das von Monsanto propagiert wird: Der Konzern
kauft - wohl auch, um die Vorbehalte der Nachbarn zu reduzieren - die
konventionell angebaute Ernte rings um die gv-Maisfelder auf.
Die Firma Märka wechselt gegenwärtig den Besitzer; neuer Anteilseigner wird
die "Sauter Verpachtungsgesellschaft" aus Zörbig, über deren Hintergrund
wenig in Erfahrung zu bringen ist, außer dass das Unternehmen laut
Pressemitteilung von Märka in der Vermarktung nachwachsender Rohstoffe tätig
ist.
Märka kauft sich über den Umweg von Holdings und Subunternehmen in
landwirtschaftliche Betriebe ein, die sich überschuldet haben, z.B. weil sie
die Kredite ihrer Saatgutlieferanten nicht mehr bedienen können.
Mit der Firma Odega aus Großneuendorf im Oderbruch will Märka offiziell nichts
zu tun haben. Allerdings war der inzwischen verstorbene Märka-Eigentümer
Schalow bei offiziellen Odega-Firmenanlässen meist zugegen. Und
Märka-Mitarbeiter wissen über Subunternehmen von Odega bestens Bescheid.
Geschäftsführer bei Odega ist Andreas Brauer. Brauer hat im vergangenen Jahr
zusammen mit zwei weiteren Personen die Prötzeler LandwirtschaftsGmbH
übernommen - eben jener Betrieb, auf dessen Gelände in den nächsten Monaten
unter dem Namen "Biogas Prötzel GmbH" die erste Biogasanlage der Region
entstehen soll.
Geschäftsführer Brauer ist zu Auskünften über das Projekt nicht bereit. Dafür
erläutert der Projektleiter für den Bau, Klaus-Uwe Schulz von der
Strausberger Firma LKK, das Vorhaben: ein sogenannter Trockenfermenter von
der Schweizer Firma Compogas, der überwiegend mit Mais, aber auch mit Roggen
und anderen Getreidesorten gefüttert wird. Das Getreide wird die neue Firma
auf ihren eigenen Feldern rings um Prötzel anbauen. Die Anlage soll 500
Kilowatt Strom und 650 Kilowatt Wärme liefern. Für die Wärme hat der
Prötzeler Bürgermeister Schlothauer Verwendung. Er will damit die
Gemeinde-eigenen Gebäude in Prötzel heizen und längerfristig auch den
Anschluss der Prötzeler Privathaushalte möglich machen.
An der Weiterverwendung der Prozesswärme aus der Biogasanlage müsste auch der
zukünftige Betreiber ein Interesse haben. Die Kilowattstunde Strom würde ihm
dann mit zusätzlichen 2 Cent vergütet. Aber "Biogas Prötzel" sieht sich im
Vorteil und pokert: Wenn die Gemeinde es nicht schafft, die Wärmeabnahme zu
organisieren, denkt die Gesellschaft über einen anderen Standort für die
Biogasanlage nach. Die Gemeinde versucht, ihr groß propagiertes
Energiekonzept zu retten, indem sie es auf ein zweites Bein in Prädikow
stellt.
Die Felder rings um den Nachbarort werden von Andreas Behnen bewirtschaftet.
Er ist mit seiner Familie Ende der 90er Jahre aus dem Emsland hierher
gezogen, um einen entwicklungsfähigen Betrieb aufzubauen. Seine 400 Rinder
fressen den Mais von 300 ha eigenem Ackerland. In diesem Jahr hat Behnen auf
20 ha erstmals auch genetisch veränderten Monsanto-Mais angebaut. Sein
Ernteschaden durch den Zünsler sei 35% gewesen, sagt Behnen. Die Kühe kriegen
Verdauungsstörungen, wenn sie den verdorbenen Mais fressen. Das Gift aus dem
BT-Mais hält er nicht für schädlich.
Der gv-Mais ist in den Kuhmägen nicht nur verdaut sondern auch gesetzlich
verschwunden. Über selbst verfütterten gv-Mais muss zwar Buch geführt werden,
aber die Mich- und Fleischprodukte unterliegen nicht mehr der
Kennzeichnungspflicht. Allerdings gibt es inzwischen auch immer mehr
Molkereibetriebe - ökologische und konventionelle - die Nachweise über das
Futter verlangen; sie geben den Druck von den Verbrauchern an die Erzeuger
weiter.
Bauer Behnen will jetzt auch Biogas produzieren. In der Biogasanlage könnte
der gv-Mais ohne Aufsehen verschwinden. Behnen hat gute Kontakte zum Dorf
Prädikow. Auch Prädikow könnte sich von der fossilen Energie abkoppeln. Und
Bürgermeister Schlothauer aus Prötzel wäre an einem Verbund-Fernwärmenetz
zwischen den beiden Orten interessiert. Er bemüht sich im Moment, einen
Betreiber für das Netz zu finden. Ein kommunales Unternehmen
mit "Leader+"-Förderung wäre die Lösung. Aber die Zuständigen im Landratsamt
wollen den innovativen Charakter der Anlage nicht recht einsehen. Schlothauer
und Schulz von der Firma LKK rechnen in den nächsten Wochen mit einer
Entscheidung.
Andreas Behnen hat sich für die Gentechnik entschieden. Die Perspektive, den
gv-Mais über die Biogasanlage wieder loszuwerden, könnte ihm helfen. Bauer
Grün aus Klein-Mutz ist noch unsicher. Er wägt die Vor- und Nachteile des
gv-Mais-Anbaus ab. Dabei spielt auch der Ärger mit den Gegnern eine Rolle.
Gerd Schiele, Reichenower Landwirt, sieht die Sache ganz unideologisch. Wenn
der rechtliche Rahmen sicherer und eindeutiger wäre; wenn garantiert werden
könnte, dass die gen-veränderten Pflanzen auf lange Sicht für Pflanzen, Tiere
und Menschen keine Folgen haben; wenn durch die Saatgutpolitik nicht
Abhängigkeiten von den großen Konzernen entstehen würden - dann hätte er gar
nichts gegen die Gentechnik! Aber bis dahin ist er dagegen.
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