http://www.moz.de/showArticle.php?OPENNAV=lokales&SUBNAV=bernau&ID=58605 (nicht mehr aktuell) - 20.05.2005
Gentechnik - ja oder nein?
Von Brigitte Horn
Tuchen (MOZ) Es klingt verführerisch: Mehr Ertrag, weniger Pestizide und
Insektizide sowie ein größerer finanzieller Erlös. Kann man den Bauern diese
Vorteile der Gentechnik versagen? Pro und Kontra diskutierten auf Einladung
von Bündnis 90/Die Grünen Vertreter der Bauern, von Greenpeace, vom
Europa-Parlament, vom Naturpark Barnim und der Fachhochschule Eberswalde.
Angefangen von der Haftung für verwehtes Saatgut bis hin zum
Verbraucherverhalten reichte das Spektrum der Diskussion, die sich die fast
30 Gäste, die in die Tuchener Gaststätte "Nonnenfließ" gekommen waren, nicht
entgehen lassen wollten.
"Deinen Honig kauf ich nicht mehr, da ist ja Gentechnik drin - damit sah sich
Imker Lange aus Klosterfelde konfrontiert", berichtete Volker Keuchel vom
Naturpark Barnim. Nachdem im Nachbarkreis in Neuholland 80 Hektar mit
gentechnisch verändertem Saatgut bestellt werden sollten, habe der Imker
Umsatzeinbußen auf dem Oberhavel-Bauernmarkt in Schmachtenhagen hinnehmen
müssen. Dabei war noch gar nichts ausgesät und der Bauer habe jetzt auch
Abstand davon genommen, so Keuchel. Darüber hinaus musste man sich im
Naturpark damit auseinandersetzen, ob durch die Aussaat eine dort bestehende
Schmetterlingsart bedroht werde, zog Keuchel den Bogen weiter. Nicht zuletzt
bestehe die Gefahr, dass Öko-Landwirte ihre Zulassung verlieren. Nachdenklich
stimme auch, dass Gentechnik nicht versicherbar sei. Dies werde durch die
großen Versicherungen, wie zum Beispiel die Münchener Rück, abgelehnt. Dass
es auch ohne Gentechnik gehe, zeige, dass die Berliner Landwirtschaft
GVO-frei sei. Hieraus ergäben sich auch interessante Angebote für Landwirte,
sagte Keuchel.
Die Bauern müssten sich genau überlegen, was ihr Markt sei, riet die
Europaabgeordnete Esther Schrödter (Grüne). Maßgeblich müssten sie sich an
den EU-Regelungen orientieren, die aber derzeit die Bauern in eine schwierige
Situation bringen. Nachdem im vergangenen Jahr das Moratorium zur Gentechnik
auf dem Acker aufgehoben worden sei, darf Gen-Saatgut zwar freigesetzt
werden. Es fehlen aber die gesetzlichen Regelungen zur Haftung. Dabei geht es
insbesondere um Einkreuzungen mit Pflanzen benachbarter Felder sowie um
Schäden bei Insekten. Als positiv bewertete sie, dass Deutschland versuche,
dazu Regelungen zu schaffen.
Wenn allerdings Bauern, die gentechnisch verändertes Saatgut einsetzen
wollen, mehrere Millionen Euro als Deckungsvorsorge hinblättern müssen, sei
das auch ein Problem, sagte Uwe Tiet vom Landesbauernverband. Er sprach sich
dafür aus, dass das Thema nur wissenschaftlich betrachtet werden dürfe.
"Welchen Risiken gibt es und wie kann man sich ihnen nähern", sei
entscheidend. Genauso zu klären sei die Frage, ob es Einflüsse auf den
Genotyp des Menschen gebe. "Ich meine, dass die Risiken beherrschbar sind",
bekannte er. Und im Hinblick auf eine gewisse Polemik, müsse man sich die
Frage stellen, ob in einer Situation wie heute Kolumbus mit den Kartoffeln
möglicherweise an der Küste gestoppt worden wäre.
Auf die im Barnim ohnehin schon großen Einschränkungen für Bauern wies Horst
Schneider, Chef des Kreisbauernverbandes, hin. 78 Prozent der Flächen
befinden sich in Schutzgebieten. Dazu käme derzeit die Neuorientierung der
Förderung der Landwirtschaft durch die EU. "Ich weiß noch nicht, wie ich mich
entscheide", sagte er. Er halte aber den Einsatz von GVO für akzeptabel. In
der Diskussion geäußerte Befürchtungen, dass gentechnisch verändertes Futter
bei Tieren nach vier bis fünf Jahren Schäden verursachen könnte, seien für
ihn kein Hindernis. "Die Wissenschaft geht ja immer weiter", argumentierte
er.
Demgegenüber wies Tina Loeffelbein von Greenpeace darauf hin, dass
Greenpeace in der Gentechnik ein hohes Gefahrenpotential sehe. "Wenn
gentechnisch veränderte Organismen einmal in der Umwelt sind, sind sie nicht
mehr rückholbar", sagte sie. Kein Experte wisse heute, wie die DNA wirklich
funktioniere. Abhängig, wo sie in der Pflanze platziert sei, gebe es
unterschiedliche Reaktionen.
Zudem habe man von amerikanischen Landwirten erfahren, dass die Vorteile nur
zwei bis drei Jahre vorhanden sind, aber danach der Pestizideinsatz wieder
deutlich steige, sagte Ökobauer Kniehorst.
Indessen sind Österreich und auch England voll aus der Gentechnik
ausgestiegen, berichtete die Hausfrau Katrin Davis, die lange in England
gelebt hat. Dort habe sich die Bevölkerung massiv gewehrt. Sie wies auf die
Gefahr für Bienen hin, aber auch darauf, dass Land, auf dem gentechnisch
verändertes Saatgut ausgebracht wurde, erheblich an Wert verliert.
Die mehr als zweistündige Diskussion, so waren sich die Veranstalter einig,
soll fortgesetzt werden. Podium könnte der Bauernmarkt in Schmachtenhagen
sein.
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