Grenzwerte bei Gen-Lebensmitteln bisher nicht überschritten
Öko-Bauern fürchten Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen
Jens Blankennagel
POTSDAM. Es ist übertrieben, von Krieg zu sprechen, aber die Wortwahl der
Kontrahenten ist eindeutig. Im Streit um die Zukunft von gentechnisch
veränderten Organismen (GVO) im Essen, im Saatgut oder im Tierfutter werden
in Brandenburg schwere Geschütze aufgefahren. "Krieg auf den Äckern" lautet
die Überschrift eines Beitrags über die größte deutsche gentechnikfreie Zone
in der Uckermark, der auf einer Internetseite von Gentechnik-Gegnern steht.
Und nachdem Aktivisten ein Versuchsfeld mit genetisch veränderten Kartoffeln
im Juni zerstört hatten, fragte das zuständige Max-Planck-Institut in
Potsdam-Golm, ob dies "das Ende von Koexistenz und Toleranz" sei.
"Koexistenz-Beauftragter"
Der Streit ist wohl das konfliktträchtigste Thema, das
Nahrungsmittelproduzenten, Landwirte und Naturschützer nicht nur in
Brandenburg umtreibt. Der Weltmarkt wird bereits jetzt von Gen-Soja und
Gen-Mais dominiert. "Doch 70 Prozent der Verbraucher lehnen bei uns
genveränderte Lebensmittel ab", sagte Brandenburgs Agrarminister Wolfgang
Birthler (SPD). Gerade wurde das neue Gentechnik-Gesetz des Bundestages vom
Bundesrat in den Vermittlungsausschuss verwiesen. Birthler wirft den
CDU-geführten Ländern Blockadepolitik vor: "Solch ideologischer Streit ist
auf den Rücken der Landwirte unverantwortlich. Er ernannte einen
"Koexistenz-Beauftragten", der zwischen Ökobauern und Gen-Bauern im
Streitfall vermitteln soll.
Die Hauptangst der Bio-Bauern ist, dass gentechnisch verändertes Saatgut von
benachbarten Feldern auf ihren Feldern sprießt - und so ihre Öko-Produkte
keine mehr sind. "Im schlimmsten Fall kann der Bio-Bauer sein Zertifikat
verlieren", sagte Barbara Raschke vom Öko-Bauernverband Bioland.
Das Potsdamer Landeslabor untersucht seit 1997 Lebensmittel und Futter auf
gentechnisch veränderte Organismen. Jährlich werden bis zu 175 Tests
durchgeführt. "Bisher haben wir keine entscheidenden Überschreitungen der
Grenzwerte festgestellt", sagte Labor-Chef Roland Körber. Öko-Produkte müssen
GVO-frei sein, normale Produkte dürfen maximal 0,9 Prozent gentechnische
Veränderungen enthalten. Es sind auch hundert Prozent GVO erlaubt, aber dann
muss es auf dem Etikett stehen.
Am Arbeitsplatz des Molekularbiologen Holger Pilsl liegen Lebensmittel aus den
Läden: Bio-Soja-Drinks, Cornflakes, Gläschen mit Kinderbrei, eingeschweißter
Tofu oder Dosenmais. Vier Wissenschafler lösen die Proben auf und analysieren
die Gene. "Wir prüfen, ob die Etikettierung stimmt oder ob nicht zugelassene
GVO enthalten sind", sagte Pilsl. Fündig wurden die Forscher nur selten, etwa
bei russischen Tütensuppen.
Bei Lebensmitteln gibt es noch keinen relevanten Gen-Markt, aber bei
Tierfutter und Saatgut. "Großanbieter wie Reiffeisen machen es sich einfach
und kennzeichnen auch das Futter ohne GVO als solches", beklagte Barbara
Raschke von Bioland. Die Anbieter müssten beide Sorten dann nicht mehr teuer
getrennt lagern. Inzwischen falle es Bauern schwer, "genfreies" Futter zu
kaufen. "In Brandenburg ist das aber auch eine Chance für die
Bio-Anbauverbände, die Bauern mit GVO-freiem Futter versorgen zu können",
sagte sie.
Sowohl das Agrarministerium als auch die Ökobauern hoffen auf den Erfolg der
gentechnikfreien Zonen in Brandenburg. Birthler setzt neben Kontrollen auf
den Verbraucher. "Er entscheidet beim Kauf, ob er gentechnisch veränderte
Lebensmittel will", sagte er.
Immer lauter melden sich inzwischen Aktivisten zu Wort, die für eine
gentechnikfreie Landwirtschaft und gegen Versuchsfelder kämpfen. "Wir wollen
Gentechnik nicht nur in Brandenburg, sondern weltweit verhindern", sagte
Thomas Janoschka vom Barnimer Aktionsbündnis gegen Gentechnik. "Alles im
legalen Rahmen oder durch zivilen Ungehorsam." Die kleine Initiative betreibt
Internet-Seiten, informiert Supermarkt-Kunden, besetzt friedlich
Versuchsfelder. "Die Betreiber reagieren sehr empfindlich auf öffentlichen
Protest", sagte er. Obwohl sich GVO-Pflanzen weltweit immer mehr durchsetzen,
ist er optimistisch. "Als wir 1996 anfingen, sagten viele: Es ist zu spät.
Aber heute gibt es bei uns noch immer keinen nennenswerten Anbau von
genmanipulierten Pflanzen." Das werde auch so bleiben, wenn die Verbraucher
es wollten.
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