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Presseerklärungen
15.04.2004
Artikel
Genfrisch auf den Tisch
Kunden dürfen Genfood suchen
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Volker Macke
Genfrisch auf den Tisch
GENFOOD - Mitte April tritt in der EU die Kennzeichnungsverordnung in
Kraft - Verbraucher können wählen und die Lebensmittelwirtschaft
signalisiert Verzicht
Die Luftröhre wie zugeschnürt - allergisches Asthma. Eigentlich hatte
Konrad Gernsberg sein Leiden doch im Griff gehabt. Nüsse hatte der Arzt als
Allergen ausgemacht. Also ließ der 30-jährige Studentenfutter, Schokolade,
Erdnusscreme und Müsliriegel weg. Und auch jetzt hatte er doch nur Sojamilch
getrunken. Doch seit an Soja mit eingeschleusten Erdnuss-Genen gearbeitet
wird, wird der bisher hypothetische Notfall vorstellbar. Nur massive
Proteste von Allergiker-Organisationen stoppten jetzt das Experiment eines
großen Lebensmittelkonzerns - vorläufig.
Rund 80 Prozent aller Deutschen lehnen laut unterschiedlicher Umfragen
das so genannte Gen-Food ab. Und sie sind nicht allein. Durchschnittlich 70
von 100 Europäern wollen kein genmanipuliertes Essen auf dem Tisch haben.
Mächtige Zahlen. Seit 1998 bestand in der EU deshalb ein Moratorium für die
Einfuhr und Zulassung von gentechnisch veränderten Organismen, im Fachjargon
GVO. Eine Klage der USA vor der Welthandelsorganisation WTO auf
Schadenersatz durch entgangene Gewinne (angeblicher Exportausfall: 300
Millionen Dollar jährlich) führte zur jetzt in Kraft tretenden
Kennzeichnungsverordnung der EU.
Sichtbar auf der Packung
"Genetisch verändert" oder "aus genetisch verändertem ... hergestellt".
So oder so ähnlich soll es laut EU-Vorschrift bald auf den bunten
Verpackungen stehen, wenn Lebensmittel, deren Zutaten, Zusatzstoffe oder
Vitamine aus einem mittels Gentechnik veränderten Organismus stammen oder
genetisch veränderte Mikroorganismen enthalten. Irgendwo eingereiht in die
Liste der Zutaten. Bei Schokolade beispielsweise könnte zwischen Zucker,
Kakao und Milchpulver dann in einem Monat "Lecithin aus gentechnisch
verändertem Soja hergestellt" stehen. Polenta aus Maisgrieß würde den Zusatz
"aus genetisch verändertem Mais" enthalten. Und loses Gemüse wie etwa
Kartoffeln, denen um des Geschmacks Willen ein Schneeglöckchen-Gen
eingeführt wurde, müssten im Zweifel neben "vorwiegend festkochend" den
Zusatz "genetisch verändert" am Schild tragen. "Transparenz beim Einkauf"
nennt das die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Renate Künast
(Bündnis90/Grüne). "Türöffner für Gentechnik im Regal" nennen die Regelung
Kritikerverbände. Denn schon bei Fleisch, Käse oder Eiern zeigt die
Kennzeichnungsverordnung ihre Schwächen. Bei Endprodukten von Tieren, die
mit Gen-Mais und -Soja gefüttert wurden, besteht laut EU-Verordnung keine
Kennzeichnungspflicht mehr.
Die Liste wird länger
Alles, was aus Mais oder Soja hergestellt wird, kann schon jetzt
genetisch verändert worden sein. An den beiden Pflanzen wird schon lange
manipuliert. Im Supermarkt finden wir sie nicht nur in besonders
gaumenfreundlichem Mais aus der Dose, der während seiner Zeit auf dem Acker
mittels eines Killergens allerlei Insekten getötet hat. Wir finden sie zum
Beispiel in Schokolade, Pudding, Marzipan, Speiseeis, Nuss-Nougat-Cremes,
Margarine, Mayonnaise, Backwaren und Backmischungen aller Art. Dort heißen
sie dann Stärke, Öle, Dextrose, Lecithin, Invertase, Vanillin oder
Zuckeraustauschstoff. Wohl gemerkt: Nicht jeder Bestandteil muss in Zukunft
aus genetisch verändertem Material hergestellt worden sein. Kann er aber.
Und zumindest im Fall Soja ist er das vermutlich auch. Denn Soja wird in den
großen Anbaugebieten der Welt außer in Brasilien kaum noch unmanipuliert
angebaut. Und auch das letzte gentechnikfreie Bollwerk Brasilien ist
kürzlich gefallen. In einem Rechtsstreit mit dem US-Gentechnik-Multi
Monsanto konnte das Schwellenland nicht länger stand halten. Das bisherige
Einfuhrverbot für gentechnisch verändertes Saatgut wurde vor rund zwei
Monaten aufgehoben.
Auch Bier könnte in naher Zukunft unrein werden. Eine gentechnisch
hergestellte Bierhefe, die das Bier weniger kalorienhaltig werden lässt,
gibt es bereits. Es liegt am Verbraucher, ob sie zum Einsatz kommt. Dasselbe
gilt für Wein. In fünf Jahren, so schätzen die Gentechnik-Forscher, könnten
Weinreben mittels Gentechnik so verändert worden sein, dass sich der bei
Winzern unbeliebte Schimmelpilz gar nicht erst festsetzen kann. Ein Gen mit
Namen Chitinase wird dafür aus Gerste extrahiert und in den Genpool des
Rieslings eingebaut. Die Weinrebe wird für den Parasiten damit tödlich. Auch
Lachse werden bereits mittels Gentechnik verändert. Erste Versuche, die
Größe durch den Einbau von Rinder- und Menschengenen zu verändern, waren nur
bedingt erfolgreich. Zu unzuverlässig das Ergebnis. Jetzt werden Fische
untereinander gentechnisch gekreuzt. Marktreife der Lachse in wenigen
Jahren. Als nächstes sollen überdimensionale Karpfen und Forellen folgen.
Weil diese gemäßigt warmes Wasser lieben, wird jetzt daran gearbeitet, ihnen
ein Gen aus der Flunder einzuverleiben. Das Gen steuert ein Protein names
AFP, das ihr Blut nicht gefrieren lässt. Koffeinfreier Kaffee ist in der
Erprobung, Reis erhält Vitamine, Bohnen sollen in Zukunft weniger Blähungen
verursachen. Gesund oder gefährlich?
Das International Council of Science (ICSU), ein internationaler
Zusammenschluss von Forschungsinstituten mit Sitz in Paris, kommt in einem
Report vom Juni 2003, der 600 Einzelstudien ausgewertet hat, zu einem
scheinbar klaren Ergebnis: "Die derzeit erhältlichen genmanipulierten
Lebensmittel können so gefahrlos verzehrt werden, wie ihre konventionellen
Gegenstücke." Also alles halb so schlimm? Keine Gefährdung der Gesundheit
durch den Verzehr von gentechnisch veränderten Lebens- und Genussmitteln?
Nein, soweit will man dann doch nicht gehen: Ein Restrisiko bleibe, so die
Forscher. " Es kann nicht garantiert werden, dass auch bei neuen
Entwicklungen keine Risiken entstehen werden", gibt das ICSU in seinem
Report zu bedenken. Und außerdem fehlten - bei der jungen Wissenschaft
naturgemäß - noch Langzeitstudien. Neue Allergien gegen die mittels
Gentechnik neu entwickelten Pflanzenproteine werden befürchtet.
Antibiotikaresistenzen könnten mittelfristig der Medizin Schwierigkeiten
bereiten. Die Menschen könnten immun werden. Denn bei allen
Gentechnikversuchen werden Antibiotika als sogenannte Markergene in die
Pflanzen eingebaut, damit Erfolg oder Misserfolg der Genmanipulation
sichtbar werden.
Aus Pflanzen- und Tierwelt
Sojabohnen, die mittels Gentechnik gegen Herbizide resistent gemacht
wurden, entwickelten häufig Stengel mit einem unerwartet hohen Holzgehalt
und brachen in den heißen Klimazonen einfach auf.
Die Flavr-Savr-Tomate galt lange Zeit als große Hoffnung aller
Gemüsehändler, denn sie fault langsamer als ihre Artgenossen. Doch sie
erwies sich auch als schlecht transportierbar, weil sie sehr leicht platzt.
Die Fachzeitschrift Biotechnology vermutet, dass der innere Druck, der sie
so prall aussehen lässt, so hoch ist, dass er die Außenhaut zerreißt.
Aus Iowa kommt die Meldung von Schweinezüchtern, die einen neuen
Gen-Mais verfüttert hatten. Zahlreiche Sauen entwickelten
Scheinschwangerschaften. Nur jeder fünfte dicke Bauch der Schweine gebar am
Ende ein Ferkel. Auf manchen Höfen sank die Geburtenrate bei den Schweinen
um 80 Prozent. Alle betroffenen Farmer hatten den gleichen veränderten Mais
verfüttert. Die Milchproduktion von Kühen, die ein neues gentechnisch
verändertes Spezialfutter gefressen hatten, gaben deutlich mehr Milch als
ihre Artgenossen. Das war geplant und erhofft worden. Aber mehr Kühe als
üblich brachten missgebildete Kälber zur Welt.
1998 musste der Konzern Nestlé bei der Markteinführung seines ersten
Gen-Schokoriegels "Butterfinger" feststellen, dass niemand Gentechnik essen
wollte. Der Versuchsballon zerplatzte, der Gen-Riegel kratze am Ruf des
Konzerns, die EU führte das Moratorium ein. Mittlerweile haben Unternehmen
wie Nestlé, Lidl und Unilever gegenüber Greenpeace versichert, auf
gentechnisch veränderte pflanzliche Rohstoffe in ihren Eigenmarken zu
verzichten. Kürzlich hat die Metrogruppe nachgezogen. Bei real, Extra und
Kaufhof will sie in ihren Eigenmarken auf GVO verzichten. Aber frei von
manipulierten Produkten bleibt der Lebensmittelmarkt in Deutschland nicht.
18 Handelsunternehmen wollen Gentechnik nicht ausschließen, darunter große
Konzerne wie Aldi und Tengelmann.
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