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Dokument erstellt am 23.04.2004 um 19:04:25 Uhr
Erscheinungsdatum 24.04.2004
Forscher warnen vor Gen-Mais
Ratten reagieren bei Tests in Frankreich auf Monsanto-Produkt mit Anomalien / Greenpeace fordert Zulassungsstopp
Unmittelbar vor der Entscheidung der EU-Agrarminister über die
Einführung einer weiteren genmanipulierten Maissorte in Europa hat ein
vertraulicher Bericht der französischen Gentechnik-Kommission die
Öffentlichkeit aufgeschreckt.
VON HANS-HELMUT KOHL
Paris/Brüssel · 23. April · Ein bereits zugelassener Genmais hat der
Expertise zufolge bei Ratten deutliche Veränderungen der Blutwerte sowie
eine Vielzahl von Anomalien ausgelöst. Die Umweltorganisation Greenpeace
forderte die EU-Agrarminister auf, die von der Brüsseler Kommission
vorgeschlagene Vermarktung einer anderen genmanipulierten Maissorte bei
ihrem Treffen am Montag abzulehnen.
Nur der Hartnäckigkeit der ehemaligen französischen Umweltministerin
Corinne Lepage ist es zu verdanken, dass der vertrauliche Bericht der
französischen Gentechnik-Kommission (CGB) über die Pariser Tageszeitung
Le Monde an die Öffentlichkeit gelangte. Lepage ist Vorsitzende des
Forschungs- und Informationszentrums für Gentechnik (Crii-Gen). Die
Anwältin rief die französische Kommission für den Zugang zu
Verwaltungsakten (CADA) an, die ihr das CGB-Papier verschaffte.
Die darin enthaltenen Informationen und Bewertungen stehen im
Widerspruch zu den Aussagen anderer französischer Prüfstellen und der
europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die den Mais MON
836 der Firma Monsanto kürzlich in Europa zugelassen hat. Dem
Zeitungsbericht zufolge kam die CGB bereits am 28. Oktober 2003 zu dem
Schluss, dass die Untersuchungsergebnisse es der Kommission "nicht
erlauben, für den Mais MON 863 ein Risiko für die tierische Gesundheit
auszuschließen".
Demgegenüber hatte die französische Behörde für Lebensmittelsicherheit
(Afssa) nur wenige Tage später, am 6. November, der Maissorte
"Unbedenklichkeit" bescheinigt und die beobachteten Auswirkungen bei den
Rattenexperimenten als "biologisch unbedeutend" klassifiziert. Dieser
Bewertung schloss sich vor wenigen Tagen, am 19. April 2004, die
europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit an. Zwar, so die EFSA,
zeigten die Experimente geänderte Blutwerte und Nierenschädigungen bei
den Versuchsratten. Diese seien allerdings "innerhalb der üblichen
Variationsbreite bei Kontrollpopulationen".
Dies sieht die CGB deutlich anders, wie Le Monde berichtet. Im August
2003 habe Monsanto zunächst in Deutschland um die Zulassung von MON 863
nachgesucht. Dies sei ein übliches Verfahren, einen Antrag in einem
EU-Mitgliedsland zu stellen, das eine erste Empfehlung abgebe. Die
deutschen Experten hätten sofort Vorbehalte gegen den Mais entwickelt,
da er ein Gen enthalte, das eine Antibiotika-Immunität einschließt. Mit
weiteren Erläuterungen der Herstellerfirma sei anschließend der Mais an
alle Mitgliedsstaaten gegangen.
In Frankreich habe jedoch nicht die Antibiotika-Resistenz das Problem
dargestellt. Kritisch seien vielmehr die Ergebnisse der
Rattenexperimente gewesen, bei denen eine Versuchsgruppe 90 Tage lang
mit genmanipuliertem Mais und eine Kontrollgruppe mit dem gleichen, aber
nicht manipulierten Mais gefüttert wurde. Dabei habe sich bei den
Männchen eine deutlich erhöhte Zahl "weißer Blutkörperchen und
Lymphozyten" gezeigt. Außerdem sei die Bildung der roten Blutkörperchen
bei den Rattenweibchen abgesackt und es habe einen merklichen Anstieg
der Nierenerkrankungen bei den Männchen gegeben.
Nach langen internen Diskussionen habe die CGB, so Le Monde, "in
Ermangelung einer befriedigenden Erklärung" für die beobachteten
Veränderungen ein negatives Votum über MON 863 abgegeben. Dies ist seit
der Gründung der Kommission im Jahr 1986 ein seltenes Urteil, da das
Gremium der Genmanipulation eher aufgeschlossen gegenüber steht. Von der
Zeitung befragte Experten räumen ein, dass die Bewertung der
statistischen Ergebnisse einer solchen Untersuchung immer eine
"subjektive" Seite enthalte. Auch bei vier anderen 2003 zugelassenen
Maissorten habe es Anomalien gegeben, die aber erklärbar gewesen seien.
Greenpeace forderte daraufhin in einer Erklärung die Agrarminister auf,
am Montag in Luxemburg den Vorschlag der EU-Kommission abzulehnen, die
Maissorte Bt-11 der Schweizer Firma Syngenta in Europa zuzulassen. Wenn
die Minister dies wie in der Vergangenheit nicht mit einer
qualifizierten Mehrheit zurückwiesen, werde die Kommission allein, und
zwar zugunsten der Firma, entscheiden. Auch bei Bt-11 hätten, so
Greenpeace, belgische und österreichische Behörden Bedenken angemeldet,
über die sich die EFSA hinweggesetzt habe. Auf diesem Wege werde das
Vertrauen der Verbraucher, die genmanipulierten Futterstoffen skeptisch
gegenüberstünden, nicht gewonnen.
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