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Undurchsichtige Nahrung
Futtermittelindustrie will Gentechnik durchsetzen
von Thomas Mösch
Der Konflikt um die Gentechnik spitzt sich zu und wird härter seit
Sonntag, seit alle gentechnisch veränderten Lebens- und Futtermittel
gekennzeichnet werden müssen. Die Futtermittelindustrie ist nun in den
Mittelpunkt des Interesses gerückt. Denn hier spielen gentechnisch
veränderte Pflanzen eine große Rolle, zum Beispiel Soja. In den USA wachsen
bereits auf 81 Prozent der Soja-Anbaufläche gentechnisch veränderte
Pflanzen, in Argentinien auf 99 Prozent und in Brasilien auf 35 Prozent. Auf
den Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen könne deshalb auch in
Zukunft nicht verzichtet werden, teilte der Deutsche Raiffeisenverband mit,
da Deutschland auf die Importe angewiesen sei. Gestern warf die
Umweltschutzorganisation Greenpeace nun der Branche Etikettenschwindel vor,
um gentechnikfreie Nischenmärkte zu verhindern.
Stein des Anstoßes sind Schreiben, die Futtermittel-Lieferanten in den
letzten Wochen an ihre Kunden verschickt haben. Darin kündigen die
Soja-Lieferanten an, ihre normale Ware in Zukunft nur noch als genetisch
verändert zu deklarieren. So erklärt das Hamburger Unternehmen UNA-HAKRA, es
könne sein aus brasilianischem Sojaschrot hergestelltes Futter nicht mehr
als gentechnikfrei bezeichnen, weil der Lieferant des Vorproduktes die Ware
jetzt als genetisch verändert kennzeichne. Gleichwohl enthalte das Futter
auch in Zukunft nur Sojaschrot aus nordbrasilianischen Anbaugebieten, in
denen keine genetisch veränderte Saat eingesetzt werde, versichert
UNA-HAKRA. Tatsächlich hat einer der weltweit größten Ölsaatenhändler, der
Bunge-Konzern, seinen Kunden schon Anfang des Monats angekündigt, dass ab
sofort alle seine Produkte als genetisch verändert zu kennzeichnen seien.
Für Henning Strodthoff von Greenpeace ist dieses Vorgehen ein Skandal:
Die Futtermittelindustrie will ganz offensichtlich verhindern, dass es
einen neuen Qualitätsstandard für tierische Produkte gibt, nämlich
"Gefüttert ohne Gentechnik", ohne gentechnisch veränderte Pflanzen, wie vor
allem Soja, die in Nordamerika mittlerweile den Anbau dominieren. Aber sie
bekommen in Brasilien beispielsweise problemlos gentechnisch nicht
veränderte Sojabohnen. Das zeigen unsere Untersuchungen an den Schiffen, die
hier in Hamburg aus Brasilien angelandet werden.
Christof Buchholz vom Verein der Getreidehändler verteidigt dagegen das
Vorgehen der Futtermittel-Lieferanten. Das Risiko, Soja fälschlicherweise
als gentechnikfrei zu deklarieren, sei einfach zu hoch. Immerhin drohe der
Gesetzentwurf der Bundesregierung Geldbußen bis 50.000 Euro an. Da
heutzutage in den meisten Soja-Anbaugebieten genetisch veränderte Saat
eingesetzt werde, könnten die Händler nur mit großem und teurem technischen
Aufwand die Herkunft der Ware garantieren.
Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast sieht das anders. Sie
erklärte heute morgen, dass auf der Ware draufstehen muss, was drin ist.
Eine vorsorglich falsche Deklaration gentechnikfreier Soja verstoße gegen
das Gesetz.
Greenpeace vermutet ein gezieltes Vorgehen der Futtermittelindustrie
und verweist auf ein Schreiben des Raiffeisen-Verbandes vom Januar. Darin
fordert der Verband seine Mitglieder auf, dem Drängen der Umweltschützer auf
garantiert gentechnikfreie Ware nicht nachzugeben. Die Milch- und
Fleischwirtschaft müsse "realistischerweise davon ausgehen, dass eine
großflächige gentechnikfreie Fütterung von Nutztieren nicht mehr möglich
sein wird", heißt es. Der Verein der Getreidehändler verweist darauf, dass
es schon heute keine nennenswerte Nachfrage nach eindeutig gentechnikfreien
Futtermitteln mehr gebe. Greenpeace macht da andere Erfahrungen, betont
Henning Strodthoff:
Es gibt eine ganze Reihe von Lebensmittelherstellern, die bereits
diesen Standard haben. Das heißt die verwenden auch bei der Herstellung
ihrer tierischen Komponenten, sei es nun Milch oder Fleisch, Tiere, die ohne
Genpflanzen gefüttert wurden. Und es gibt eine noch größere Anzahl von
Firmen, die diesen Standard erreichen will. Darüberhinaus gibt es sehr viele
Bauern, die Gentechnik ablehnen, nicht nur im Anbau, sondern auch in der
Fütterung. Diesen Landwirten und diesen Firmen soll an dieser Stelle die
Wahlfreiheit genommen werden. Ihnen soll die Möglichkeit genommen werden,
diesen Qualitätsstandard zu etablieren.
Das fürchtet auch der Lebensmittelkonzern Edeka. Der garantiert mit
seiner Marke "Gutfleisch", dass die Tiere ohne Gentechnik gemästet würden.
Auch Edeka-Lieferanten haben jetzt die erwähnten Schreiben der
Futtermittelindustrie bekommen. Für die Pressesprecherin von Edeka, Marliese
Kalthoff, ist das ein inakzeptabler Etikettenschwindel. Ihr Unternehmen
lasse allerdings auch selbst die Futtermittel prüfen und könne deshalb
weiter garantieren, dass keine Gen-Soja zum Einsatz komme. Allerdigs könne
es nicht angehen, dass die Lieferanten die Verantwortung nun auf den
Einzelhandel abwälzten.
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