Vor
zwei Jahren tönte die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG):
”Im
kommenden Jahrhundert wird sich die Genomtechnologie als eine der
entscheidenden Schlüsseltechnologien etablieren. Die Dynamik dieser
Entwicklung, die in Wochen und Monaten gemessen werden muß, läßt keine
Zeit zu zögerlichem Handeln. Die Gefahr ist, daß große wirtschaftliche
Potentiale leichtsinnig verspielt werden.”
Mit
dem ”Jahr der Lebenswissenschaften” will
Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn nun persönlich die Ärmel
hochkrempeln und dafür sorgen, dass deutsche ForscherInnen der Weltspitze
”nicht hinterherhinken”. Schliesslich ist der ”Standort
Deutschland” in Gefahr.
Der
Berliner Gen-Guru Detlev Ganten (u.a. Aufsichtsratsvorsitzender des
Biomedizinischen Forschungscampus Berlin-Buch und Vorsitzender der
Hermann-von-Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren), der auf
der Auftaktveranstaltung zum ”Jahr der Lebenswissenschaften”
die Eröffnungsrede hielt, bezeichnete nicht nur die Entscheidung des
britischen Parlaments, das Klonen menschlicher Embryonen zu
Forschungszwecken zu gestatten, als ”mutig”, sondern
kritisierte die ”Gutmenschen-Tendenz” der Deutschen wegen des
Nationalsozialismus, der angeblich ständig für Tabus und Grenzen sorge.
Das Problem, das Bulmahn, Ganten und wie sie alle heissen eint, sind die
Bedenken und auch Widerstände gegen Genforschung und deren Anwendung.
Verklärt zu ”Technikfeindlichkeit” und ”irrationalen
Technikängsten”, die es zu minimieren gälte, geht die Scientific
Community seit geraumer Zeit auf die Strasse, um der Bevölkerung ihre
Errungenschaften ”auf gleicher Augenhöhe” (Bulmahn)
einzubleuen.
Seit
Jahren schon ist die Gentechlobby händeringend dabei, Imagepflege in der
Öffentlichkeit zu betreiben: Projekte wie die Gen-Welten-Ausstellungen
1998, die EXPO 2000, das Gläserne Labor in Berlin-Buch und jetzt das
”Jahr der Lebenswissenschaften” stehen dafür stellvertretend.
Frau/Man erlebt gegenwärtig eine Art totaler Mobilmachung im öffentlichen
Raum. Auf Marktplätzen, in Hallen und Geschäftsarkaden, zwischen ”Bahnsteig
und Fahrkartenschalter” (Bundesforschungsministerium) werden
Forschungsergebnisse präsentiert. Alles möglichst einfach und sinnlich
erfahrbar. Eine der Hauptzielgruppen sind Schulklassen.
Die
Strategie, die seit einigen Jahren unter dem Label ”Dialog mit der Öffentlichkeit”
gefahren wird, sieht vor, den ”normalen” BürgerInnen die
Errungenschaften der modernen Biologie, Medizin und Genforschung nahe zu
bringen. ”Scientainment” heisst das Zauberwort für die zahllosen
Talkshows, Kunstveranstaltungen, Kinospots, Schulwandertage,
Wissenschaftsnächte und -festivals. Die Liste der Verheissungen ist lang:
versprochen wird die Diagnose und Therapie von Krankheiten, die Verlängerung
des Lebens, die Lösung sozialer und ökologischer Probleme und nicht
zuletzt die Sicherstellung der Ernährung für die Weltbevölkerung.
Stattfinden
tut ein Monolog der Wissenschaft: die einen reden, schreiben, zeigen; die
anderen, das Publikum, sollen hören, staunen, sehen. Unter Überschriften
wie ”Science Street” oder ”Gen-Dschungel”, ”Rätsel
des Lebens” und ”Kosmos Gehirn” wird eine
Alphabetisierungskampagne in Sachen Wissenschaft professionell
organisiert. Eine Kreativagentur für Public Relations, Iser &
Putscher, hat vier Millionen Mark zur Organisation von Großveranstaltungen
erhalten, um diesen Monolog in Szene zu setzen.
Die
Umstände der Forschung, mögliche Misserfolge oder negative
Begleiterscheinungen werden nicht thematisiert. Stattdessen werden
permanent Wünsche erzeugt. Die Neuauflage der Glücksversprechen der
Moderne feiert Hochkonjunktur: alle werden gesund und glücklich, keineR
muss mehr hungern, die Umwelt wird sauber und den Rest der Probleme
kriegen die ”Experten” auch noch in den Griff.
Die
Beziehung zwischen Technik, Arbeit, gesellschaftlichen Verhältnissen und
die damit einhergehenden Ausbeutungsstrukturen verschwinden so vollends.
Alle gesellschaftlichen Fragestellungen werden auf ihre technische Lösbarkeit
heruntergezogen. Nichts ist mehr ein sozialer Prozess. Technik allein wird
zum Konsumgut und zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Utopien und
Bedürfnisse. In einer komplizierten Welt versprechen GenforscherInnen
einfache Lösungen: ”intaktes Gen einfügen - Problem gelöst”. Der
verengte Blick auf die Gene versperrt die Sicht auf die vielen anderen
Facetten des Phänomens Krankheit: Psychosoziale Faktoren, krankmachende
Konsum-, Arbeits- und Lebensumstände. All diese Aspekte geraten im Zuge
des molekularen Denkens zur Nebensache.
Der
menschliche Körper wird neu entworfen - und zwar nach den Erfordernissen
der industriellen Massenproduktion. Kranke werden zum gestörten ”molekularen
System”, die Möglichkeiten der gentechnologischen Produktion
solcher ”Systembestandteile” werden zum logischen
Handlungsimperativ. Denn wer unverstandene Krebsleiden, unklare Leberentzündungen,
Herzinfarkte oder Altersdemenz allein auf die Ebene der Zelle zwingt, der
muß auch dort die ”Lösung” suchen. Die Kehrseite einer Medizin, die
den Menschen als molekulare Maschine begreift, die beliebig zu steuern, zu
reparieren und programmieren ist, ist ein Gesellschaftsentwurf, der auf
Vermeidung, Verhinderung und einem Verlassen all jener basiert, die nicht
der Utopie von Gesundheit und Normalität entsprechen. Der gesamte
biotechnologische Diskurs ist von einem Subtext bestimmt, der das Kranke,
das Schwache, das Mangelhafte ins Visier nimmt und seinen utopischen
Gehalt an der Beseitigung dieser konstitutionellen Defizite des
menschlichen Lebens orientiert.
Während
sich Therapieversprechen zunehmend als uneinlösbar erweisen - etwa bei
der Somatischen Gentherapie, die schon mehrere Todesopfer forderte -,
werden andere Ziele der Gentechnik deutlicher: Es geht um Einsparungen im
Gesundheitswesen durch kostengünstige Selektion per Testdiagnostik, um
lukrative Verfügbarkeit von Organen, Geweben, Zellen, Genen, Daten - um
die Ausbeutbarkeit und Inbesitznahme der letzten Ressourcen: der
Materialien Pflanze, Tier und Mensch. Ein neuer, bio-reproduktioneller
Sektor hat sich formiert; das 21. Jahrhundert macht aus den eugenischen Träumen
des 19. und 20. Jahrhunderts eine Realität. Die ”Verbesserung” des
Volksganzen, des ”Gesellschaftskörpers”, wird ins Werk gesetzt. Die
biowissenschaftlichen ”Segnungen” liegen insgesamt in dem Versprechen,
Ordnung im Chaos der Fortpflanzung herzustellen. Es handelt sich hier um
eine neuartige Ebene des Ansetzens von Politik im Dienste der
Lebensherstellung.
”Das
Leben” wird in ein Substrat der Vermachtung umgewandelt: eine
Wissenschaft verfügt nun tendenziell über die Macht, neue Formen der
pflanzlichen, tierischen und nicht zuletzt menschlichen Existenz zu
schaffen. Nunmehr definieren die Biowissenschaften die Kriterien für die
Daseinsberechtigung, welche sich nach Kosten-Nutzen-Erwägungen und nach
genetischen Normen von Gesundheit und Krankheit auszurichten hat. Die
grossangelegte Umarbeitung des Sozialkörpers und die Verlagerung des
gesellschaftlichen Lebens in die Domäne der Biologie ist auch eine
Offensive der Naturwissenschaften, die die Kultur- und
Sozialwissenschaften beiseite drängt. Leben, Ernährung, Gesundheit,
Krankheit - alles wird unter der Biologie subsumiert. So wird neben der
Intelligenz die kritische Wissenschaft gleich mit verabschiedet.
www.dosto.de/gengruppe
www.wissenschaftssommer2001.de
V.i.S.d.P.:
Thomas Janoschka, Marsstr.2, 16321 Bernau
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Kundgebungstext
Presseerklärung
Plakat zur Kundgebung
Genervt!
Polizei versucht Kundgebung zu behindern
GENua
Dialog ist nicht erwünscht
telepolis.de
Taz Kolumne 13.09.01
junge welt 13.09.01
Berliner Zeitung 25.08.01
tagesspiegel 28.08.01
tagesspiegel 30.08.01
tageszeitung
Berliner Morgenpost
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