tagesspiegel vom 30.08.2001
"Wissenschaftssommer"
Gentechnik-Gegner planen Proteste
Senatorin Goehler will Dialog
Barbara Junge
Kultur- und Wissenschaftssenatorin Adrienne Goehler (parteilos) hofft auf
den Dialog - auch mit den radikaleren Gegnern der Genomforschung. Nachdem
diese für den "Wissenschaftssommer", der am 12. September am Potsdamer Platz
mit einer Prominenten-Gala eröffnet werden soll, Proteste angekündigt haben,
hat Goehler jetzt eine Einladung ausgesprochen. Möglichst noch in dieser
Woche will sie sich mit den Kritikern treffen.
"Wir betrachten die Demonstrationsaufrufer nicht als Feinde, sondern als
kritische Begleiter der Veranstaltung und des Dialogs", erläutert Goehlers
Wissenschaftskoordinator Bernd Köppl die Einladung. Die Kritik, die geäußert
werde, sei berechtigt. Sie müsse Platz haben in der Debatte. Köppl kann sich
vorstellen, dass die Gentechnikgegner ein eigenes kleines Forum im Rahmen
des Wissenschaftssommers aufbauen.
Zugleich will die Senatorin mit dem Gespräch erreichen, dass der
Wissenschaftssommer, der von der Bundesregierung, dem Land und den führenden
Wissenschaftsinstitutionen ausgerichtet wird, nicht in einem falschen Licht
erscheine. Hierbei handele es sich keinesfalls um eine
"Propagandaveranstaltung" für die Gentechnik, wie behauptet. Vielmehr solle
die Gentechnik kritisch diskutiert werden.
Gerade in Berlin bewege sich die gentechnische Forschung ohnehin in engen
Grenzen, betont man in der Wissenschaftverwaltung und verweist auf eine
jüngste Erhebung. Im Augenblick betreibe kein wissenschaftliches Institut in
Berlin Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen. Anträge auf
entsprechende Forschungsprojekte legen ebenfalls nicht vor. Nur ein
Forschungsprojekt werde an tierischen embryonalen Stammzellen durchgeführt,
nämlich an denen von Mäusen am Forschungsinstitut für Molekulare
Pharmakologie in Buch. Dazu kommt ein weiteres Forschungsprojekt an adulten
Stammzellen an der Charité.
Für Wissenschaftssenatorin Goehler ist die schwierige Debatte um die
Genomforschung auch nicht mit dem "Wissenschaftssommer" abgehandelt. Für den
September werden bereits Anschlussveranstaltungen geplant. Bereits am
kommenden Sonntag lädt auch Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn
(SPD) die Berliner zur Diskussion ein. Im Rahmen des Tags der Offenen Tür
der Bundesministerien können Besucher in einem fahrbaren "Genlabor", dem
"Science-Live-Mobil" selbst mit gentechnischen Verfahren Experimente
durchführen und etwa das Erbmaterial einer Tomate extrahieren. Am Nachmittag
will die Ministerin dann selbst mit den Besuchern "über Chancen und Risiken"
der Technologie diskutieren.
Ob es einen ersten kontroversen Dialog mit der Wissenschaftssenatorin geben
wird, entscheiden nun die Bündnisse der Gentechnik-Gegner. Als Anmelder der
Demonstration vom 12. September hat der PDS-Abgeordnete Steffen Zillich die
Einladung Goehlers an das nicht gerade homogene Spektrum der
Gentechnikkritiker weitergetragen. Ein Sprecher der Kritiker signalisierte
bereits grundsätzliche Bereitschaft zu solchen Gesprächen. Über die konkrete
Einladung jedoch müsse noch gesprochen werden. Ob indes der militantere Teil
der Kritiker seine angekündigten Störaktionen deshalb abblasen wird, ist
ungewiss. Die Aufrufe zu den Störungen sind anonym. Einer verweist unter dem
Motto "Gentechnik interessiert uns brennend" auf einen Anschlag auf ein
Fahrzeug. Der Staatsschutz hat daher das Sicherheitskonzept für den 12.
September übernommen.
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