"Gentechnik ist nicht sexy!"

Ralf Grötker   10.09.2001
Proteste gegen den "Wissenschaftssommer" diese Woche in Berlin

Die Kirche macht es vor. Auf dem Berliner Gendarmenmarkt wirbt sie mit einem großen Banner für die Besichtigung des Französischen Doms: "Der Dom ist offen". Die Wissenschaft macht es nach. Während des Berliner Wissenschaftssommers, dessen Programm am Donnerstag im (ebenfalls am Gendarmenmarkt gelegenen) Wissenschaftsforum vorgestellt wurde, öffnet sie ihre Pforten. Im Schwerpunkt stehen dieses Jahr die "Lebenswissenschaften".

Die Wissenschaft ist aufgebrochen, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, also Wissenschaft transparent zu machen, die Vielfalt und auch Widersprüchlichkeit von Wissen aufzuzeigen und all dies offen und partnerschaftlich mit dem Bürger zu diskutieren - so sieht es Manfred Erhardt, Generalsekretär im  Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.

"Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen auf die Marktplätze. Sie gehen in Kaufhäuser und erklären den Menschen, woran sie forschen und welchen Nutzen jeder Einzelne davon hat", sagt Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär im  BMBF. Das hört sich lustig an, ist aber ein bisschen gelogen. Denn keine einzige der vielen hundert Veranstaltungen zum Wissenschaftssommer findet in einem Kaufhaus oder auf dem Wochenmarkt statt. Dennoch: "Auf gleicher Augenhöhe", das sagt Catenhuse, wollen die Wissenschaftler mit den Menschen diskutieren.

Daraus scheint nun eher ein Kampf "Aug um Aug" zu werden. Denn offenbar lässt die betont offenherzige Dialogbereitschaft der Veranstalter wirklich überzeugten Gegnern keine andere Wahl als die Aufkündigung des liberalen Diskursrahmens.

"Gentechnik - interessiert uns brennend" ist das Motto eines anonymen Protestaufrufes (s. Berliner Zeitung vom  25.08.01). Das Motto bezieht sich auf einen Brandanschlag auf das fahrbare Genlabor des BMBF im vergangenen Jahr. Ebenfalls anonym hat eine Gruppe von "GENervten" Berlinern dazu aufgerufen, am Mittwochabend bei der Auftaktveranstaltung des Wissenschaftssommers (mit Gerhard Schröder und Frank Elstner!) im Daimler-Chrysler-Gebäude auf dem Potsdamer Platz die Eingänge zu blockieren: "So wollen wir unserer Kritik an der Gentechnik Ausdruck verleihen", heißt es in dem anonymen  Schreiben. Die GENervten Dialoggegner können auch schon einen ersten Erfolg für sich verzeichnen: Die Auftaktveranstaltung, zu der unter anderem Detlev Ganten (Aufsichtsratvorsitzender des biomedizinischen Forschungscampus Berlin-Buch) und Hans-Olaf Henkel erwartet werden, findet nun, bei großem Polizeiaufgebot, im geschlossenen Rahmen statt. Das ist schlechte PR für die  Wissenschaft im Dialog.

Außerdem ist für den Mittwoch noch eine ganz legale Kundgebung unter dem Motto  Gentechnik ist nicht sexy! geplant. Die Polizei will die Demonstration jedoch vom Marlene-Dietrich-Platz, wo auch ein Teil der offiziellen Feier stattfindet, an die Potsdamer Straße einige hundert Meter weiter weg verlegen. Angemeldet hat die Demonstration der Berliner PDS-Abgeordnete Steffen Zillich. Veranstalter ist ein "Bündnis gentechnikkritsicher Gruppen", zu dem sich Antifa-Gruppen, die Holy Church of DANN, feministische Gruppen, die Jungdemokraten Junge Linke, die BUND-Jugend und das Barnimer Aktionsbündnis gegen gentechnische Freilandversuche zusammengeschlossen haben. Auf dem  Aufrufplakat steht:

Statt von der Gentechnik zu einem Risiko gemacht zu werden, werde zum Risiko für die Gentechnik.

inzwischen gibt es zu dem artikel eine rege diskussion:
http://www.heise.de/tp/foren/go.shtml?list=1&g=9488&e=all&cp=

  Kundgebungstext
Presseerklärung
Plakat zur Kundgebung
Genervt!
Polizei versucht Kundgebung zu behindern
GENua
Dialog ist nicht erwünscht
telepolis.de
Taz Kolumne 13.09.01
junge welt 13.09.01
Berliner Zeitung 25.08.01
tagesspiegel 28.08.01
tagesspiegel 30.08.01
tageszeitung
Berliner Morgenpost